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Zwischen Ängsten und Schlafstörungen bestehen oft enge
Wechselbeziehungen. Der Umstand, dass Angstsymptome oft typische
Erscheinungen
Zwischen Ängsten und Schlafstörungen bestehen oft enge
Wechselbeziehungen. Der Umstand, dass Angstsymptome oft typische
Erscheinungen der meisten psychisch bedingten Schlafstörungen sind,
wird derzeit noch zuwenig beachtet. Nächtliche Angst tritt in
verschiedenen Formen und bei unterschiedlichen Störungen auf :
1. Panikstörung.
Es erfolgt ein abruptes Erwachen mit starker Angst aus leichtem bis
mitteltiefem Schlaf. Die körperlichen Begleitsymptome (z.B. Atemnot,
Herzrasen) werden als lebensbedrohlich erlebt. Es besteht eine leichte
Ein- und Durchschlafstörung. Die Symptomatik verschlechtert sich durch
Schlafdefizite.
2. Generalisierte Angst.
Charakteristisch sind angstvoll-besorgtes Grübeln und frei flottierende
Ängste beim Einschlafen sowie in nächtlichen Wachphasen. Die ständige
Angst, Anspannung und Unruhe bewirkt eine unspezifische
Schlafverschlechterung mit Ein- und Durchschlafproblemen und einen
Verlust an Tiefschlaf.
3. Posttraumatische Belastungsstörung.
Es besteht ein wechselndes Muster von Alptraumerwachen mit schweren
Ein- und Durchschlafstörungen und Rückzug in vermehrten Tiefschlaf mit
verminderter REM-Schlaf-assoziierter Traumerinnerung (REM = rapid eye
movement, d.h. Augenbewegungen bei geschlossenen Lidern, wie sie im
Traumschlaf typisch sind).
4. Pavor nocturnus.
Nach 1½ - 3 Stunden Schlaf, d.h. in der ersten Schlafhälfte, erfolgt
ein abruptes und schreckhaftes Erwachen aus dem Tiefschlaf, verbunden
mit einem plötzlichen Schrei und einige Minuten lang dauernder
ängstlich-verwirrter Erregung, anschließend gelingt das
Wiedereinschlafen problemlos, am Morgen kann man sich an nichts mehr
erinnern. Panikattacken unterscheiden sich davon durch ihr Auftreten
während des Übergangs vom leichten in den mitteltiefen Schlaf, die
erhaltene Orientierung, die funktionierende Intelligenz nach dem
Erwachen und deutlich größere Schwierigkeiten, wieder einschlafen zu
können.
5. Alptraumerwachen.
Man erwacht meist in der zweiten Nachthälfte aus einem REM-Schlaf
(Traumschlaf). Der meist relativ lange, Angst und Furcht auslösende
Traum wirkt gefühlsmäßig und körperlich in den folgenden Wachzustand
hinein. Die vegetativen Begleitsymptome der Angst flauen meistens nach
einigen Minuten ab. Die Angst vor dem Wiederauftreten der Alpträume
verursacht oft eine Wiedereinschlafstörung. Alpträume hängen oft mit
unverarbeiteten psychischen Problemen zusammen, nicht selten auch mit
anderen Faktoren, z.B. Absetzen von Medikamenten, die den Traumschlaf
unterdrücken, wie dies bei Tranquilizerschlafmitteln (Hypnotika) oder
trizyklischen Antidepressiva der Fall ist, so dass in Gegenreaktion
darauf Alpträume auftreten. Es kann sich aber auch um den Ausdruck
einer Entzugssymptomatik bei Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit
handeln, wo oft langdauernde Schlafstörungen gegeben sind.
6. Schlaflosigkeit (Insomnie).
Es besteht eine Ein- und Durchschlafstörung mit nächtlichem Erwachen im
Zustand der Anspannung und Unruhe, begleitet von Herzrasen und
Schwitzen. Es besteht keine Traumerinnerung, auch nicht bei
REM-Schlaf-Erwachen. Hellwachgefühl, geistige Überaktivität, Ärger,
ängstliche Selbstbeobachtung und angstvolles Gedankenkreisen um
Alltagsprobleme während des Wachliegens charakterisieren den Zustand
der Schlaflosigkeit. Es besteht eine Angst vor der kommenden Nacht und
ein erhöhtes abendliches Aktivierungsniveau. Selbst einfache
Belastungen (z.B. bestimmte Filme) verschlechtern den Schlaf, wenn sie
Unsicherheit und Ängste auslösen. Schlaflosigkeit wird oft durch
psychosoziale Stressfaktoren bewirkt.
7. Depression.
Depressive Patienten haben oft große Ein- und Durchschlafstörungen, die
von Angstsymptomen begleitet sind. Nächtliche Wachperioden sind durch
ängstliche Anspannung, Grübeln und vegetative Begleitsymptome
charakterisiert. In der Praxis zeigt sich oft die Symptomtrias von
Depression, Angst und Schlafstörung, die die Erstellung der
Hauptdiagnose erschwert, noch dazu, wenn eine ängstlich-depressive
Mischsymptomatik besteht. Die Nebenwirkungen der Medikamente, mit denen
diese Beschwerden behandelt werden, können die Schlafstörung verstärken.
8. Rebound-Störung (Angst als Medikamentenabsetzphänomen).
Nächtliche Angstgefühle, Ein- und Durchschlafstörung, Unruhe und
Nervosität treten nach schnellem Absetzen von abhängig machenden
Beruhigungs- und Schlafmitteln auf. Erneute Einnahme beseitigt die
Symptomatik, ein allmähliches Ausschleichen des Medikaments verhindert
derartige Zustände. Gerade bei Einnahme von nur kurz wirksamen
Tranquilizerschlafmitteln (geringe Halbwertszeit wie z.B. bei Halcion®)
kann ein Rebound-Phänomen auch bei regelmäßiger abendlicher Einnahme
den Betroffenen in den Morgenstunden verfrüht und mit Angst erwachen
lassen.
9. Schlafapnoesyndrom.
Man bekommt beim Schlafen zuwenig Luft, weshalb ein abruptes,
angstvolles Erwachen mit Atemnot, Herzrasen und Beklemmungsgefühlen
auftritt. Das Erwachen erfolgt im Zusammenhang mit nächtlichen
Atempausen, vor allem bei Schnarchern. Der Schlaf ist wenig erholsam,
es treten morgendliche Kopfschmerzen, internistische
Begleiterkrankungen (arterielle Hypertonie, Herzrhythmusstörungen) und
erhöhte Tagesmüdigkeit bzw. Schläfrigkeit auf. Patienten mit Verdacht
auf ein Schlafapnoesyndrom haben nicht selten eine Angststörung.
Panikattacken können durch Entspannung und Schläfrigkeit beim
abendlichen Liegen im Bett ausgelöst werden, ohne vorheriges
ängstliches Grübeln. Eventuell auftretende Muskelzuckungen stellen eine
elektrische Entladung vorher angespannter Muskelgruppen dar, was erst
durch die Bewertung als gefährlich panikauslösend wirkt. Mehr als die
Hälfte der Panikpatienten erlebt Panikattacken im Schlaf und entwickelt
deshalb oft eine Angst vor dem Einschlafen. Aus Angst vor einem
Herzinfarkt und dem Tod in der Nacht möchten viele Betroffene im Bett
am liebsten nur ruhen, ohne einzuschlafen. Als Folge davon kommt es zu
einem Schlafdefizit, das die Angstzustände verstärkt und die
Panikattacken vermehrt. Es entsteht ein Teufelskreis: nächtliche
Panikattacken führen zu phobischen Ängsten vor dem Einschlafen, die
durch Schlafvermeidung zu lösen versucht werden, wodurch es erst recht
zu Panikattacken kommen kann.
Die Ursachen für Panikattacken im Schlaf sind noch nicht ausreichend
erforscht, derzeit geht man vom Modell einer chronischen Übererregung
und Anspannung aus, die sich beim Einschlafen bzw. im Schlaf löst und
Panikattacken bewirkt. Diese Vermutung wird durch zwei Faktoren
bestätigt
Panikattacken treten während einer Schlafvertiefung im Laufe des
Übergangs vom Leichtschlaf des Schlafstadiums II in den
delta-wellenreichen tieferen Schlaf des Stadiums II auf und nicht im
Tiefschlaf des Stadiums IV wie ein Pavor nocturnus.
Panikattacken (vor allem die ersten) entwickeln sich bei vielen
Betroffenen während des an sich entspannenden Liegens abends im Bett
auf oder beim entspannten Sitzen im Lehnstuhl, d.h. gerade nicht in
Zeiten größter Belastung, sondern in der Entspannungsphase. Auch
Migräneanfälle treten oft beim Übergang in die Entspannung nach langer
Anspannung auf, z.B. am Wochenende. Die Neigung zu Panikattacken wird
verstärkt durch die ängstliche Beobachtung dieser Vorgänge und deren
Unerklärlichkeit.
Etwa 70% der nächtlichen Panikattacken stehen in keinem Zusammenhang zu
REM-Schlafphasen, weshalb sie nicht als Folge von Alpträumen angesehen
werden können. Schlafgebundene Panikattacken treten in einem Zustand
minimaler Geistestätigkeit auf. Panikattacken könnten eventuell auch
durch veränderte Atemmuster im Sinne einer Hyperventilation im Schlaf
ausgelöst werden. Bei nächtlichen Panikattacken kommt es im Schlaf
zuerst zu körperlichen Reaktionen als Folge der Entspannung, die vom
Schlafenden als ungewohnt und bedrohlich eingeschätzt werden, so dass
er voll Angst und Panik munter wird. Es handelt sich dabei um eine
Bewertung körperbezogener Reize, ähnlich wie im Schlaf auch eine
Bewertung umweltbezogener Reize erfolgt, die in einem Fall dazu führen,
dass man munter wird (z.B. beim Schreien des Säuglings), während im
anderen Fall kein Weckreiz erfolgt (z.B. bei Lärm durch Autos oder
Züge).
Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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