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Enied
Hallo,
ich bin 32 Jahre und bin seit 8 Jahren wieder unter den lebenden.
Wie alles begann: Ich wollte vor ca. 11 Jahren mit meinem damaligen Freund die Pferdemesse Equitana besuchen. Irgend wie hatte ich mich im Datum geirrt und die Messe begann erst einen Tag später als ich dachte. Also was tun mit einem nicht geplanten freien Tag? Wir sind an den Rhein gefahren, haben uns einen schönen Tag gemacht und waren abends noch bei einem dort ansässigen Chinesen essen.

Irgend wie ist uns wohl das Essen nicht bekommen, meinem Freund ging es schon auf der Heimfahrt sehr schlecht, ich merkte noch nichts, mir ging es prima, Wie geplant sind wir dann am nächsten Tag zur Messe. Bevor ich mich ins Getümmel stürzen wollte bin ich erst noch mal zur Toilette weil ich mich dann in Ruhe auf das Messetreiben konzentrieren wollte. Dort merkte ich das ich etwas Durchfall hatte aber nichts dramatisches. Ich war gerade bei meinem Freund angekommen musste ich schon wieder auf die Toilette und jetzt merkte ich das es mich richtig erwischt hatte. Ich hatte es gerade noch so bis zu Toilette geschafft sonst wäre es in die Hise gegangen. (Wie peinlich). Mein Kreislauf klappte zusammen und mein Freund der sich mittlerweile sorgen machte brachte mich zum Auto um zu einer Apotheke zu fahren.

Das war die schlimmste fahrt meines Lebens. Ich bekam Schweißausbrüche bei dem Gedanken das ich in den nächsten 30 Sekunden eine Toilette brauchen würde und ich keine in der Nähe hatte. Dann hätte ich mich ja in aller Öffentlichkeit blamiert.

Lange Rede kurzer Sinn es ist nichts passiert. Wir fanden eine Apotheke, dort holte ich mir Tanakomp gegen Durchfall und alles war ok.

Das dachte ich. Unmerklich veränderte sich mein Leben. Ich begann zu vermeiden. Bevor ich ins Kino, Theater oder sonst irgendwo hinging nahm ich immer eine Tanakomp, trank und aß vorher nichts und ich saß immer am Rand, damit ich mich im falle eines Falles immer verdrücken konnte. Stand eine längere Autofahrt bevor hatte ich immer eine Zewa.Rolle, einen Eimer und eine Flasche Wasser bei mir. Für alle Fälle. Hätte ja noch mal Durchfall?? oder Übelkeit?? Bekommen können. Richtig registriert habe ich diese Verhaltensänderung nicht, für mich wurde es normal. Erst am ende meiner Therapie ist mir dieses Erlebnis eingefallen.

Zeitsprung: Zwei Jahre später, ich studierte in Bayern und arbeitete hart. Hatte eine eigene kleine Wohnung und wollte ins Bett, weil es durch die Lernerei wieder einmal sehr spät geworden war. Plötzlich bekam ich Kreislaufprobleme aber das war nicht schlimm, das kannte ich ja schon. Ich ging also ins Bad und kühlte mein Gesicht und meine Arme wie sonst auch. Aber es half nichts, mein Herz begann zu rasen, mir wurde noch schwindliger, mein Arm fühlte sich taub an, ich bekam keine Luft, ich dacht jetzt muß ich sterben. In meiner Panik rief ich den Notarzt. Der maß den Blutdruck, hörte mich ab und kam zu dem Schluß: ALLES OK. Fragte mich ob ich das schon mal gehabt hätte , empfahl mir eine Bachblütentherapie und ließ mir mit einer Valium Tablette da und verschwand.

Die Tablette half natürlich nicht, ich war viel zu überdreht. In meiner Panik alleine sterben zu müssen setzte ich mich in mein Auto kurbelte alle Scheiben herunter (es war Mai und nicht allzu kalt) und fuhr 500 KM in einem Geschwindigkeitsrekord nach hause in Hessen. Wie ich die Zeit überstanden habe war mir ein echtes Rätsel. Erklären konnte ich mein Verhalten nicht, wie auch.

Es kam wie es kommen musste, ich ging von Arzt zu Arzt und jeder sagte mir ich sei gesund. Geglaubt habe ich es natürlich nicht. Ich konnte keine Sekunde mehr alleine sein, ich drehte völlig durch, wenn meine Mutter das Haus verließ. Es war der reinste Horror. Fünf Monate nach meinem ersten Anfall ging ich freiwillig in eine psychosomatische Klinik. Ich denke es war eine Erholung für mich, weil ich dort gleichgesinnte kennen lernte (ich dachte ja ich sei alleine bescheuert) und ich glaube auch meine Eltern brauchten dringend eine Pause. Helfen konnten sie mir dort allerdings nicht. Bei den dortigen Psychologen hatte ich den Eindruck, das sie nach einem schuldigen für meinen Zustand suchten und das sollten immer die Eltern sein. Kann sein, das manchmal die Ursachen in der Familie liegen, aber nicht bei mir.

Viel wichtiger ist aber das der Grund warum mich nicht interessiert hat, ich wollte einen Weg aus meiner Angst und keine Begründung Das konnten sie mir dort nicht geben.

Stattdessen sah ich im Fernsehen einen Bericht über die Christof-Dornier-Stiftung in Marburg. Dort schrieb ich hin. Ich musste Unmengen von Fragebögen ausfüllen. Gespräche wurden geführt und die Therapeutin Frau Koch sagte mir das der Weg, den ich jetzt gehen müsste sehr schwer sein würde.
Ich war immer ein freier, selbstständiger und selbstbewusster Mensch, ich taf meine Entscheidungen und trug auch die Konsequenzen dafür. Das alles hatte mir die Krankheit genommen und ich konnte mir nicht vorstellen, das das was ich jetzt tun muß schlimmer als das sein sollte, was ich bereits hinter mir hatte. Ich hatte nichts mehr zu verlieren ich konnte nur noch gewinnen. Wenn sie von mir verlangt hätte von einer Brücke zu springen, ich hätte es getan sofort. Die Verzweiflung mein altes Leben verloren zu haben war übermächtig. Ich war fest entschlossen und das hat dazu geführt, das meine Therapie nach 9 Tagen erfolgreich abgeschlossen wurde. Ich musste alles tun, wovor ich Angst hatte, z.B. Zug fahren, Fliegen, alleine sein, Menschenmengen und noch vieles mehr und immer unter Anleitung von Frau Koch.

Es war schwer und hart und ich war froh wenn ich mich abends in ein Bett kuscheln konnte und endlich schlafen durfte. Ich war ja fast in ganz Deutschland, Hamburg, Herfort, Göttingen, Würzburg, München, Berlin. Aber schon nach dem ersten Tag ging es besser die Angst verlor ihren Schrecken. Ich merkte voller erstaunen, das mir trotz Angst nichts passierte. Ich lebe, was für ein Gefühl.

Wie gesagt, diese Zeit liegt schon lange hinter mir. Aber vergessen kann ich sie nicht. So im nach hinein war diese Zeit sehr gut und sehr wichtig für mich, sie hat mich stark gemacht für das Leben. Heute habe ich nur noch Angst, das mir der Himmel auf den Kopf fällt. Ohne diese schwere Zeit hätte ich später einige Schicksalsschläge nicht so heil überstanden. Und wenn die Angst sich noch mal blicken lässt, dann begrüße ich sie freundlich, ich weiß ja das mir nichts passiert.

Seht diese schwere Zeit in der Ihr euch gerade befindet nicht als Strafe an, sondern viel eher als eine Chance die Zukunft besser meistern zu können und euch und eure Grenzen kennen zu lernen. Ihr schafft es

Eure Enied
 
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