Die Anweisungen für Angehörige von Angstkranken gelten analog auch für die Angehörigen von Zwangskranken.
Auf einige spezielle Aspekte soll jedoch
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Wir
brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir
uns von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu
neuem Leben ein.
(Christian Morgenstern)
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Ratschläge für Angehörige von Zwangspatienten
Die Anweisungen für Angehörige von Angstkranken gelten analog auch für die Angehörigen von Zwangskranken.
Auf einige spezielle Aspekte soll jedoch besonders hingewiesen werden:
- Sprechen Sie Ihren Angehörigen auf seine Zwangsstörung hin an.
Sagen Sie ihm, dass Sie sich viele seiner Verhaltensweisen nur so
erklären können, dass er unter Zwängen leidet. Zwangskranke versuchen
ihre Störung so lange als möglich zu verbergen, auch vor den
Angehörigen, weil sie letztlich wissen, dass ihr Verhalten nicht normal
ist. Vermitteln Sie ihm das Gefühl, dass Sie seine Person mögen, seine
Zwänge jedoch nicht akzeptieren können.
- Verzichten Sie auf moralische Appelle an den Zwangskranken,
sich mehr zusammenzunehmen, seine Zwänge zu unterdrücken und vernünftig
zu denken. Appelle an den Verstand können bei einem Problem, das mit
unerträglichen Gefühlen (Angst oder Unbehagen) zusammenhängt, nichts
ausrichten. Verweisen Sie vielmehr darauf, dass der Betroffene Ihrer
Meinung nach eine medizinische Abklärung und psychotherapeutische
Behandlung benötigt.
- Verzichten Sie auf Ursachen-Diskussionen.
Es bringt nichts außer Streit und Enttäuschung, wenn Sie sich auf die
Suche nach dem Schuldigen (Sie selbst, der Angehörige selbst, sein
Elternhaus usw.) begeben. Zwänge haben nicht eine Ursache und daher
auch nicht einen Schuldigen, sondern können durch eine Vielfalt von
Faktoren bedingt sein. Entscheidend ist für den Anfang vielmehr, den
falschen Problemlösungsversuch zu unterbrechen, eine durch
zwangsauslösende Reize bedingte Angst und Unruhe letztlich doch wieder
durch ein Zwangsritual zu beseitigen, das nur kurzfristig hilft und die
Zwangssymptomatik langfristig verstärkt.
- Unterstützen und ermutigen Sie den Zwangskranken
in jeder nur erdenklichen Weise, ausgenommen die Ausführung seiner
Zwänge. Schlagen Sie gemeinsame Aktivitäten vor (z.B. Spaziergänge,
sportliche Betätigung, Spiele, Kinobesuche, Einkaufsfahrten, Ausflüge),
um den Angehörigen von der Ausführung seiner Zwänge abzulenken. Sie
stärken dadurch auch die gesunden Persönlichkeitsanteile des
Zwangskranken.
- Helfen Sie dem Zwangskranken nicht bei der Ausführung seiner
Zwänge,
weil er selbst nicht mehr damit zurechtkommt (z.B. Hilfestellung bei
bestimmten Kontrollen, damit der Betroffene schneller fertig wird). Sie
geraten dadurch unvermeidlich in den starken Sog der Zwangsstörung.
Nehmen Sie dem Betroffenen auch keine Routinehandlungen ab, die er
vermutlich wegen seiner zwanghaften Langsamkeit nicht zeitgerecht
ausführen kann (z.B. Einkäufe, Kochen, Wohnungsreinigung,
Behördenwege). Erst dadurch wird dem Betroffenen richtig bewusst, dass
seine Genauigkeit letztlich nur dazu führt, dass nichts mehr
rechtzeitig fertig wird. Lassen Sie sich auf keinen Fall in die
Zwangssymptomatik Ihres Angehörigen einbinden, auch nicht auf größtes
Drängen hin, weil dadurch nur die Zwangsstörung fixiert und verstärkt
wird. Helfen Sie durch Nicht-Helfen!
- Führen Sie selbst keinerlei Zwangshandlungen aus,
um den Zwangskranken dadurch zu beruhigen. Übernehmen Sie auf keinen
Fall die Standards zwangsbedingter Sauberkeit, Ordnung und Kontrolle.
Weigern Sie sich, Türen, Fenster, Elektrogeräte, Gasherd, Wasserhahn,
Türklinken, Fußboden u.a. immer wieder zu überprüfen oder bestimmte
Reinigungsrituale zur Angstreduktion des Zwangspatienten auszuführen.
Waschen Sie sich selbst nicht mehr als nötig Ihre Hände, wechseln Sie
auch nicht die Kleidung, wenn Sie sie noch sauber finden. Wenn Sie nach
Hause kommen, setzen Sie sich im Wohnzimmer mit der momentanen
Straßenbekleidung nieder, ohne dass Sie sich vorher umziehen oder
duschen. Wenn Sie von der Arbeit heimkommen, greifen Sie weiterhin die
Tür mit der bloßen Hand und nicht mit einem Taschentuch an, das Sie
nachher sofort in den Mülleimer werfen müssen. Verweigern Sie eine
übertriebene Reinigung Ihrer Schuhe, wenn Sie nach Hause kommen.
Wischen Sie nichts in der Wohnung stärker und häufiger ab, als Ihnen
nötig erscheint. Werfen Sie keine Lebensmittel weg, die Ihnen noch
schmecken, auch wenn Sie nach Auffassung Ihres Angehörigen mit
irgendetwas infiziert sein könnten. Ein derartiges "hartes" Vorgehen
steht in scheinbarem Widerspruch zu menschlicher Wärme und
partnerschaftlicher Liebe, ist jedoch im Interesse des Zwangskranken
sowie zur Vermeidung der Eskalation der Zwänge auf das ganze
Familienleben unbedingt erforderlich.
- Achten Sie darauf, dass auch die anderen Familienmitglieder
(insbesondere kleinere Kinder) die Zwänge nicht ausführen. Der
Zwangskranke muss durch eine klare "Gegenwelt" erfahren, dass seine
Welt nicht normal ist, anderenfalls entsteht kein Veränderungsdruck.
- Achten
Sie darauf, dass alle Familienmitglieder die Fragen des Zwangskranken
nach Rückversicherung nicht beantworten. Fragen wie "Ist die Klobrille
jetzt sauber?"; "Sind nun wirklich alle Reste des chemischen Mittels
beseitigt?"; "Sind alle Fenster tatsächlich fest verschlossen?";
"Habe ich den Ofen garantiert abgedreht?"; "Kann mir wirklich nichts
passieren, wenn ich mich jetzt nicht (mehr) wasche?" sollten
vereinbarungsgemäß (und dem Zwangskranken vorher angekündigt)
folgendermaßen beantwortet werden: "Du weißt, wir haben ausgemacht,
dass Du diese Frage selbst beantworten musst"; "Du sollst lernen, auf
Dich selbst zu vertrauen, daher werde ich Deine Frage nicht
beantworten, weil Dir das nicht hilft"; "Ich rede mit Dir jetzt gerne
weiter, aber nicht über Deine zwanghaften Fragen"; "Erinnere Dich an
die Therapieprinzipien, die wir gemeinsam in der Therapiestunde gehört
haben". Wenn Ihnen derartige Antworten schwer fallen, dürfen Sie sich
auch auf die Anweisungen des Psychotherapeuten ausreden: "Du weißt,
dass ich Dir auf diese Frage bisher immer eine Antwort zu Deiner
Beruhigung gegeben habe. Der Therapeut hat jedoch gesagt, dass das
nicht gut ist für Dich, und daran halte ich mich jetzt".
- Vertreten Sie Ihre Prinzipien freundlich und bestimmt, ohne dass Sie sich auf gehässige Streitereien einlassen.
Rechnen Sie jedoch damit, dass der Zwangskranke durch Ihr konsequentes
Verhalten in großen Druck geraten und zu einer aggressiven
Entlastungsreaktion neigen kann, manchmal sogar zu Tätlichkeiten, die
sonst nie vorkommen, weil Zwangskranke typischerweise recht
aggressionsgehemmt sind (die Aggression ist jedoch unterschwellig oft
deutlich spürbar).
- Hindern Sie den Zwangskranken nie direkt oder gar mit Druckmitteln bzw. Brachialgewalt an der Ausführung seiner Zwänge.
Ihr Angehöriger ist ein freier Mensch wie Sie und hat das Recht zur
Ausführung seiner Zwänge, so wie Sie das Recht haben, nicht nach diesen
Zwängen leben zu müssen.
- Wenn Sie als Partner hinsichtlich der sexuellen Beziehung mit dem Zwangskranken
unzufrieden sind, bedenken Sie, dass sich die Zwangssymptomatik häufig
in Form sexueller Ängstlichkeit, Verklemmtheit und mangelnder
Spontaneität äußert. Legen Sie schon auch in Ihrem Interesse auf eine
Therapie der Grundstörung Ihres Partners großen Wert.
- Verweisen Sie bei anhaltenden Spannungen immer wieder auf die Notwendigkeit einer Psychotherapie,
wenn sich die familiären und partnerschaftlichen Beziehungsstrukturen
bessern sollen. Sie können die Anweisungen für den Umgang mit
Zwangskranken auf Dauer nur schwer allein durchhalten, weil Sie der
Zwangskranke ständig bezichtigen wird, dass Sie ihn nicht mehr lieben,
sonst würden Sie auf seine (zwanghaften) Bedürfnisse mehr Rücksicht
nehmen. Die Dynamik einer Zwangsstörung besteht wesentlich darin, dass
der Betroffene versucht, seine Ängste so gering wie möglich zu halten
und daher alle Familienmitglieder in die Zwangsstörung einzubeziehen.
Angehörige von Zwangskranken können niemals die Therapeutenrolle
übernehmen, weil sie damit den familiären Machtkampf extrem
verschärfen. Der Hilferuf der Angehörigen an Außenstehende wie Ärzte
oder Psychotherapeuten stellt daher eine oft schon längst fällige
Entlastung für das familiäre Klima dar. Geben Sie Ihrem Angehörigen zu
verstehen, dass Sie ihn deshalb nicht verachten, sondern eine Hilfe in
dieser Situation als etwas durchaus Normales betrachten, wobei Sie auf
Wunsch des Therapeuten sogar an der Psychotherapie teilnehmen würden.
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Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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