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Bei einer Spinnenphobie wird die Spinne zum Feind, auf den
sich die übermächtig gewachsene Angst konzentriert. Manche Phobiker schränken
sich im Alltag stark ein, um unter allen Umständen den Anblick von Spinnen zu
vermeiden. Die Psychologin Svenja Tan Tjhen untersucht in einer Studie, wie
Spinnenphobiker durch wenige Therapiesitzungen am besten darauf vorbereitet
werden können, ihre krankhafte Angst in den Griff zu bekommen. Kurzzeitintervention gegen Spinnenphobie wird in einer
Forschungsstudie getestet
Viele Menschen finden Spinnen hässlich oder eklig, gruseln sich vielleicht auch
ein wenig. Nicht wenige aber leiden sogar unter einer krankhaften Angst, einer
sogenannten Phobie, vor den in Deutschland in der Regel völlig harmlosen
Tieren. "Phobiker entwickeln typischerweise ein starkes
Vermeidungsverhalten", sagt Svenja Tan Tjhen vom Psychologischen Institut
der Universität Tübingen. "Um möglichst keiner Spinne zu begegnen, würden
viele Phobiker nicht ins Erdgeschoss ziehen oder in freier Natur campen. Viele
Reiseländer fallen natürlich auch weg." Die Einschränkungen im Alltag
können sich zu einer unerträglichen Belastung auswachsen. Bei manchen Phobikern
löse schließlich schon der Anblick einer Mücke oder einer spinnenähnlichen
Maserung im Holz Angst, Panik und Fluchtreflexe aus, berichtet Svenja Tan
Tjhen. Sie untersucht in ihrer Doktorarbeit, wie sich die Spinnenphobie durch
Kurzzeitbehandlungen mit Entspannung besser in den Griff bekommen lässt. Für
die Forschungsstudie haben sie und ihre Kollegen 60 Spinnenphobikerinnen
ausgewählt, die weder rauchen noch Hormone oder Medikamente einnehmen. Da in
der Untersuchung auch zahlreiche physiologische Daten wie bestimmte
Hormongehalte im Speichel erhoben werden, müssen die Teilnehmer vergleichbare
Voraussetzungen mitbringen. Die mehrjährige Studie soll innerhalb der kommenden
zwei Jahre abgeschlossen werden.
Man gehe davon aus, dass fast zehn Prozent der Menschen unter einer Phobie
leiden, sagt Svenja Tan Tjhen. "Unter den Tierphobien sind die gegen
Schlangen und Spinnen die häufigsten. Und unter einer Spinnenphobie leiden
deutlich mehr Frauen als Männer", sagt sie. Manche Studienteilnehmerinnen
haben ihr erzählt, dass sie die Aufrufe für die Tübinger Studie aus der Zeitung
ausgeschnitten und viele Monate lang aufbewahrt haben, bevor sie sich getraut
hätten anzurufen. Dabei ist die Schwelle bewusst niedrig gelegt: "Wir
arbeiten nur mit Imagination, die Frauen müssen keine echten, lebenden Spinnen
ansehen oder anfassen", erklärt die Psychologin Svenja Tan Tjhen. Sie
testet zunächst, ob es sich bei der Spinnenangst tatsächlich um eine Phobie
handelt, die das Leben stark einschränkt, oder eher nur um ein Unbehagen im
Umgang mit den Achtbeinern.
Die Studie ist auf fünf bis sechs Jahre angelegt, weil jede Teilnehmerin
einzeln eine Woche am Psychologischen Institut verbringt. "Am ersten und
am letzten Tag sind die Teilnehmerinnen jeweils den ganzen Tag im Labor.
Während wir ihnen verschiedene Bilder zeigen, messen wir den Puls und die
Hautleitfähigkeit, nehmen immer wieder Speichelproben, um zum Beispiel den
Cortisolgehalt zu bestimmen." Diese Werte geben Aufschluss über
körperliche Reaktionen wie Anspannung oder Angst. Bei Rauchern werde das
Cortisol mit einem ganz anderen Muster über den Tag ausgeschüttet als bei
Nichtrauchern, daher müssen Raucherinnen bei der Studie ausgeschlossen werden.
Außerdem geben die Studienteilnehmerinnen mithilfe von Fragebögen an, wie stark
sie subjektiv ihr Angstempfinden einschätzen. In den fünf Tagen zwischen den
Laboruntersuchungen findet täglich jeweils eine Stunde lang eine
Kurzzeitintervention statt: Diese beginnt mit einem Entspannungstraining im
bequemen Sessel. Wenn die Frauen entspannt sind, sollen sie sich eine
handtellergroße Spinne vorstellen, die zunächst in fünf Meter Entfernung sitzt,
sich dann nähert, auf den Fuß krabbelt, bis zum Knie und von dort ihren Weg
zurück nimmt. "Für Laien klingt das harmlos, aber Phobiker wissen, dass
eine solche Situation stark angstauslösend ist", sagt die Psychologin.
"Die Angst muss bei einer Phobie kommen, damit sie auch wieder gehen kann
- das ist ein schon lange bekannter verhaltenstherapeutischer Ansatz."
Schon am letzten Tag der Therapiewoche lasse sich häufig eine Besserung des
Angstempfindens feststellen, sagt Svenja Tan Tjhen. "Die Belastung sollte
man dennoch nicht unterschätzen." Für vergleichende Kontrolluntersuchungen
wurde ebenfalls eine Gruppe von 60 Frauen ausgesucht, deren Altersstruktur an
die der Spinnenphobikerinnen angepasst ist.
"Die Konfrontationstherapie an sich ist keine neue Erfindung", sagt
die Psychologin. "Wir untersuchen hier die Effizienz einer bestimmten
Variante mit den Kurzzeitinterventionen, die sich nach unseren positiven
Befunden als Standardbehandlung für Spinnenphobiker eignen würde." Svenja
Tan Tjhen betont jedoch, dass die Spinnenphobikerinnen nach der einen
Behandlungswoche nicht als geheilt gelten können. "Wir geben ihnen nur das
Werkzeug an die Hand, um selbst weiterarbeiten zu können. Jede legt selbst fest,
wie weit sie dann gehen will." Ziel sei es, den Phobikerinnen ein
erträgliches Alltagsleben zu ermöglichen. Prinzipiell ließen sich die
Studienergebnisse auch auf die Behandlung anderer Phobien anwenden. Die
zahlreichen Rückmeldungen zur Tübinger Therapie seien praktisch durchweg
positiv. "Manche erzählen stolz, dass sie es geschafft haben, selbst ein
Glas über eine Spinne zu stülpen und sie nach draußen zu befördern."
Die meisten Menschen mit krankhafter Spinnenangst leiden darunter seit der
Kindheit, seit der Kindergarten- oder Grundschulzeit. In dieser Zeit sei es oft
noch möglich, eine echte Phobie abzuwenden. "Angst wird schnell gelernt,
das ist ja prinzipiell auch sinnvoll. Wenn die Eltern von der Spinnenangst des
Kindes kein Aufhebens machen, negative Reaktionen auf Spinnen ignorieren, sich
selbst nicht fürchten oder ekeln, kann sich eine beginnende Phobie wieder
legen." Wenn sich die Spinnenphobie voll entwickelt hat, richtet der
Mensch oft das Leben so aus, dass er möglichst keiner Spinne begegnet. Viele Spinnenphobiker
gehen zum Beispiel nicht mehr in den Keller. "In solchen Situationen sind
sie auf Partner, Eltern, Freunde oder Nachbarn angewiesen, die bestimmte Dinge
für sie übernehmen oder die Spinnen vorbeugend für sie entfernen." Svenja
Tan Tjhen erzählt, dass ihr berichtet wurde, dass manche Phobiker sogar erst
von anderen die Zeitung durchsehen lassen, falls zufällig ein Spinnenbild
abgedruckt ist. Und wenn eine Spinne zu beseitigen ist, haben einzelne
Studienteilnehmerinnen wohl auch schon einmal die Polizei gerufen. Wer ein
funktionierendes schützendes Netzwerk hat, das das Vermeidungsverhalten
effizient stützt, empfinde teilweise auch gar kein Bedürfnis, etwas gegen die
Phobie zu unternehmen. "Zu uns kommen eigentlich nur Phobikerinnen, die
mit ihrer Phobie nicht mehr klarkommen, etwa weil der Lebenspartner nicht
bereit ist, das Vermeidungsverhalten mitzumachen."
Für Spinnenphobiker sei sie oft die erste Anlaufstelle, berichtet Svenja Tan
Tjhen. Wegen der festen Studienvoraussetzungen konnten nicht alle Interessenten
an der Spinnenstudie teilnehmen, aber sie habe diesen Menschen mit
Informationen über Hilfsangebote von anderen Seiten helfen können. Die
Psychologin rät unbedingt davon ab, selbst Versuche mit einer
Konfrontationstherapie zu unternehmen. "Die Konfrontation muss in einem
geschützten Raum stattfinden. Der Phobiker muss Vertrauen haben, dass nichts
Unerwartetes passiert", sagt sie. "Wer sich der Spinne mit Absicht
aussetzt und dann doch fluchtartig den Raum verlässt, erreicht eher das Gegenteil."
Ein misslungener Behandlungsversuch könne die Phobie sogar verstärken.
Nähere Informationen:
Svenja Tan Tjhen
Psychologisches Institut - Abt. Klinische und Entwicklungspsychologie
Christophstraße 2
72072 Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 71 83
Fax 0 70 71/29 52 19
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Quelle: Informationsdienst Wissenschaft -idw-
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