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In der Verhaltenstherapie wurden im Laufe der Zeit zwei verschiedene
Strategien zur Behandlung von phobischen Ängsten entwickelt:
In der Verhaltenstherapie wurden im Laufe der Zeit zwei verschiedene
Strategien zur Behandlung von phobischen Ängsten entwickelt:
- Systematische Desensibilisierung:
Aushaltenlernen immer schwierigerer angstmachender Situationen in der
Vorstellung unter angstdämpfenden Entspannungsbedingungen oder in der
Realität bei dosierter, leicht erträglicher Angst ("gestufte
Reizkonfrontation").
- Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung
("massierte Reizkonfrontation" im Sinne von Reizüberflutung/Flooding):
intensive Konfrontation mit den angstmachenden Situationen in der
Realität ohne Entspannung, sondern bei bewusster Angst- und
Panikprovokation mit dem Ziel der Erlernung von Bewältigungsstrategien
bei erlebten Panikreaktionen ("Angstbewältigungstraining").
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Die verschiedenen verhaltenstherapeutischen Behandlungsansätze bei
Angststörungen lassen sich anhand von zwei Kategorien klassifizieren:
- Art der Angstkonfrontation: graduell oder massiert,
- Realitätsgrad der Angstkonfrontation: in der Vorstellung oder in der Realität.
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Tab. 1: Angstbehandlung in der Verhaltenstherapie
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Art der
Angstkonfrontation |
In der Vorstellung |
In der Realität |
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Graduell
(allmählich, gestuft) |
Desensibilisierung
(Annähern) |
Habituierung
(Gewöhnung) |
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Massiert
(plötzlich und intensiv) |
Implosion
(Verlöschen durch Übertreiben) |
Flooding
(Überfluten) |
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Systematische Desensibilisierung - Die Angst erfolgreich meiden
1958 stellte der Psychiater Wolpe in Südafrika die systematische
Desensibilisierung zur gezielten Behandlung von Angst vor. Er übertrug
konsequent die Prinzipien der Lerntheorien auf den klinischen Bereich
und wurde damit Ende der 50er Jahre einer der Mitbegründer der
Verhaltenstherapie, die sich aus lerntheoretischen Wurzeln gleichzeitig
in Südafrika, in den USA und in England entwickelte.
Die Patienten lernen, angstmachende Situationen unter angstdämpfenden
Bedingungen zu ertragen. Ziel ist die angstfreie Angstbewältigung:
"Wenn es gelingt, eine mit Angst unvereinbare Reaktion bei Anwesenheit
eines angsterzeugenden Stimulus auftreten zu lassen, so dass es zu
einer vollständigen oder teilweisen Unterdrückung der Angstreaktion
kommt, wird die Verbindung zwischen dem Stimulus und der Angstreaktion
abgeschwächt."Entspannung wird als die gesuchte angstdämpfende
Bedingung angesehen, weshalb die rasch erlernbare Technik der
progressiven Muskelentspannung nach Jacobson eingeübt wird. Es können
aber auch andere Entspannungstechniken eingesetzt werden
(Atemtechniken, autogenes Training, Biofeedback, Hypnose).
Bei der systematischen Desensibilisierung werden zuerst konkrete
Situationen hinsichtlich eines phobischen Objekts oder Ereignisses
gesammelt, dann in eine nach Schwierigkeitsgrad abgestufte Rangfolge
gebracht (d.h. es wird eine Angsthierarchie erstellt) und anschließend
von der leichtesten bis zur schwersten Aufgabe unter
Entspannungsbedingungen in der Vorstellung ertragen gelernt, bis
Angstfreiheit gegeben ist. Die jeweils schwierigere Situation wird erst
dann angegangen, wenn die leichtere wiederholt ohne Angst
durchgestanden werden kann.
Die Desensibilisierung kann nicht nur in der Vorstellung, sondern auch
in der Realität erfolgen. In der Realität werden nur jene Situationen
aufgesucht, die in der Vorstellung bereits sicher ertragen werden
können. Es handelt sich dabei um eine Angstbehandlung nach dem Modell
der gestuften Reizkonfrontation. Auf diesem Prinzip beruhen die
verschiedenen Selbsthilfeprogramme.
Ein Beispiel für eine Angstbehandlung nach dem klassischen
Desensibilisierungsmodell ist die Behandlung von Tierphobien (Spinnen,
Hunde, Pferde usw.). Während zuerst Bilder und Filme der gefürchteten
Tiere oder Objekte gezeigt werden (vielleicht auch gezeichnet werden),
erfolgt im Laufe der Zeit eine immer stärkere Annäherung an die realen
Angstauslöser, bis schließlich eine Berührung der Tiere bei
erträglicher Erregung möglich wird oder die Tiere auf der Haut ertragen
werden (z.B. bei Käfer- oder Spinnenphobien). Oft sind gar nicht
Ängste, sondern Ekelgefühle auszuhalten.
Das Desensibilisierungskonzept stellte in den 70er Jahren weltweit die
zentrale Angstbehandlungsmethode der Verhaltenstherapie dar, vielfach
galt sogar die formelhafte Gleichsetzung "Verhaltenstherapie =
systematische Desensibilisierung".
Heutzutage gilt dieses Konzept in Theorie und Praxis allgemein als
überholt und wird nur mehr in bestimmten Fällen angewandt. Selbst bei
Wirksamkeit verlängert ein derart langsames, weil angstmeidendes
Vorgehen die Behandlungsdauer erheblich, ohne den Behandlungseffekt zu
erhöhen.
Studien zur systematischen Desensibilisierung haben folgendes ergeben:
- Entspannung
ist keine notwendige Voraussetzung für die Wirksamkeit der
systematischen Desensibilisierung, d.h. erfolgreiche Angstbewältigung
setzt nicht unbedingt eine vorherige Entspannung voraus.
- Sichere
Angstbewältigung erfordert kein Vorgehen nach dem Prinzip einer
Angsthierarchie, d.h. ein schrittweises Vorgehen in einer bestimmten
Reihenfolge (von leichteren zu schwierigeren Übungen) ist keinesfalls
nötig.
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Das Modell der systematischen Desensibilisierung bedeutet nach Hand ein
Angst-Meidungs-Training ("Meidungs-Management"). Eine stärker
emotional-physiologische Erregung durch intensivere Angstzustände wird
gezielt zu vermeiden versucht. Es wird trainiert, wie man den bisher
phobisch gemiedenen Situationen ohne große Angst und Panik begegnen
kann. Dies kommt dem Bedürfnis vieler Patienten sehr entgegen, bisher
angstmachende Situationen mit Hilfe bestimmter Techniken garantiert
ohne Angst bewältigen zu können.
Das Modell der massierten Reizkonfrontation in der Realität
(Reizüberflutung oder Flooding) stellt ein Angst-Management-Training
dar, dessen Charakteristika im Vergleich zum Desensibilisierungsmodell
gut aufgezeigt werden können.
Tab. 2: Angst-Meidungs-Training und Angst-Management-Training
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Angst-Meidungs-Training
(Desensibilisierungs-Modell) |
Angst-Management-Training
(Flooding-Modell) |
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Konfrontation sehr gestuft (Prinzip "der kleinen
Schritte") |
Konfrontation rasch und intensiv (Prinzip "Wer wagt,
gewinnt") |
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Meidung von Angst/Panik |
Induktion von Angst/Panik |
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Entspannungstraining zur Meidung der Angst |
Managementtraining von induzierter Angst/Panik führt
indirekt zur Entspannung |
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Antidepressiva, Anxiolytika oder Beta-Blocker können
Beginn von Selbsthilfeübungen erleichtern |
Anxiolytika behindern den Therapieprozess; Antidepressiva
gelegentlich anfangs hilfreich, meist verzichtbar, mitunter
hinderlich |
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Durchführung in der Regel in angeleiteter Selbsthilfe |
Durchführung in der Regel therapeutengeleitet (bevorzugt
in Gruppen) |
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Das Desensibilierungsmodell als Angst-Meidungs-Training wird heute
praktisch nur mehr bei Selbsthilfeprogrammen im Sinne einer gestuften
Reizkonfrontation in der Realität eingesetzt, weil hier die Risiken im
Falle fehlerhafter Anwendung minimiert werden und diese Vorgangsweise
den meisten Angstpatienten erträglich erscheint.
Das Modell der massierten Reizkonfrontation in der Realität (Flooding)
ist als Selbsthilfemethode vielen Agoraphobiepatienten mit Panikstörung
nicht zumutbar, weil deren Problematik gerade darin besteht, dass sie
intensive Angstzustände vermeiden. Mutige Angstpatienten können auf
diese Weise jedoch rasch ihre Ängste verlieren.
Für bestimmte Patienten bleibt eine gestufte Reizkonfrontation angezeigt:
- Menschen mit Situationsängsten im Rahmen einer generalisierten Angststörung;
- Menschen
mit geringer Stresstoleranz und übermäßig großen Belastungen (vor allem
auch in Verbindung mit gleichzeitig vorhandenen anderen Störungen wie
depressive Episode, Erschöpfungsdepression, Kreislaufinstabilität,
hormonelle Störungen);
- Menschen mit psychotischen Episoden in der Vorgeschichte;
- Menschen mit Substanzmissbrauch (besonders jene, die die Übungen nur bei heimlicher Alkohol- oder Tranquilizereinnahme
durchführen würden);
- Menschen
mit zwanghaft-rigider Persönlichkeitsstruktur, die auf ihre
Unabhängigkeit bedacht sind und durch derartige Übungen in einen
Machtkampf mit dem Therapeuten geraten würden;
- Menschen
mit der Unfähigkeit, emotionale Durchbrüche zulassen und sich fallen
lassen zu können (diese Personen bleiben auch beim Flooding verspannt);
- Menschen
mit ständiger Leistungshaltung, alles schaffen zu müssen, sogar
schwierigste therapeutische Übungsaufgaben (das Motto "Man muss sich
nur zusammenreißen" ist gerade bei einer Reizüberflutungstherapie nicht
erwünscht);
- Menschen
mit Traumatisierung in Kindheit und Jugend durch einen überwiegend
leistungsbezogenen, zuwendungsarmen Erziehungsstil der Eltern (eine
massierte Reizkonfrontationstherapie könnte hier zu einer
unkontrollierten Wiederholung traumatischer Situationen führen);
- Menschen,
denen beim Vorgehen nach dem Selbsthilfeprinzip ausreichend geholfen
werden kann, indem ihnen ein Therapiemanual zur Verfügung gestellt wird.
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Konfrontationstherapie - Der Angst begegnenDie
Reizkonfrontationstherapie wurde in den 60er Jahren in England
entwickelt, wo sie "exposure" genannt wird, weshalb man im deutschen
Sprachraum auch von "Exposition" oder "Expositionstherapie" spricht.
In der letzten Zeit hat sich anstelle der Bezeichnung
"Reizkonfrontationstherapie" der Begriff "Konfrontationstherapie"
durchgesetzt, weil damit nicht nur die Konfrontation mit dem Reizaspekt
der Situation ("äußere Reize"), sondern auch die Konfrontation mit den
eigenen (Angst-)Reaktionen ("innere Reize") erfasst wird.
Als Begründer der Konfrontationstherapie gilt Isaac Marks, Professor
für Psychiatrie an der Universität von London und seit Jahrzehnten die
bedeutsamste Persönlichkeit in der Erforschung und
verhaltenstherapeutischen Behandlung von Angststörungen in
Großbritannien.
Konfrontationstherapien beruhen auf dem Prinzip der Konfrontation mit
den angstmachenden Situationen oder Objekten ohne Entspannung. Die
Konfrontation im Sinne einer massierten Reizkonfrontation bezeichnet
man als "Reizüberflutung" (englisch "Flooding").
Die Konfrontationstherapie beruht auf drei charakteristischen Prinzipien:
- Massierte
Reizkonfrontation. Es erfolgt eine direkte, sofortige und intensive
Konfrontation mit den am meisten angstmachenden Situationen in der
realen Umwelt.
- Ununterbrochene
und nicht ablenkende Konfrontation mit der Angstsituation bis zum
Zeitpunkt eines deutlichen Absinkens der Angstreaktionen auf ein
erträgliches Ausmaß. Die intensive Zuwendung zu den angstmachenden
Reizen kann entweder durch inneres Verbalisieren und Kommentieren der
momentanen Vorgänge oder durch lautes Sprechen über die aktuellen
Vorgänge (z.B. in Begleitung des Therapeuten) aufrechterhalten werden.
- Reaktionsverhinderung.
Die Betroffenen sollen die gefürchtete Situation im Zeitpunkt der
größten Angst nicht verlassen, sondern darin ausharren, um das Erlebnis
der Bewältigung zu erfahren.
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Im deutschen Sprachraum stellten Marburg und Hamburg die Zentren der Entwicklung der Konfrontationstherapie dar.
1980 veröffentlichten die Marburger Forscher Bartling, Fiegenbaum und
Krause das Standardwerk "Reizüberflutung. Theorie und Praxis". Die
Autoren beziehen sich zur theoretischen Fundierung auf die
Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer, die sie jedoch gleichzeitig als
unzulänglich hinstellen, weil dieses Konzept das Anhalten phobischen
Verhaltens trotz einer Konfrontationstherapie nicht erklären kann.
Neben den lerntheoretischen Konzepten von Stimulus (Reiz) und Response
(Reaktion) als Grundeinheiten des Verhaltens wurden schon damals
kognitive Konzepte betont, die die psychischen Verarbeitungsprozesse
berücksichtigen, die während einer Konfrontationstherapie ablaufen.
Die Wirkmechanismus der Konfrontationstherapie beruhen auf den Vorgängen der "Löschung" und der "Habituation":
"Durch wiederholte Konfrontation mit dem konditionierten Stimulus bei
gleichzeitiger völliger Verhinderung der Vermeidungsreaktion soll die
Angstreaktion gelöscht werden. Für eine effektive Löschung sollten
möglichst alle Reize, die zu konditionierten Stimuli für die
(potentielle) Angstreaktion geworden sind, dargeboten werden. Ein
Generalisierungseffekt ist jedoch zu erwarten."Löschung bedeutet, dass
die Angstreaktion auf einen phobischen Auslöser hin nicht durch Flucht
oder Vermeidung beendet wird, sondern durch Gewöhnung (Habituation) an
den phobischen Reiz in Form von regelmäßiger Konfrontation.
Habituation bedeutet eine Gewöhnung an bislang angstmachende Reize und
Situationen, so dass die physiologische Erregung nachlässt. Anders
formuliert ist Habituation "das Absinken der
Reaktionswahrscheinlichkeit zentralnervöser und peripherer Strukturen
bei wiederholter Reizdarbietung".
Bei neuen, ungewohnten, unerwarteten, gefährlich und unerträglich
erscheinenden Reizen und Situationen erfolgt eine 3-5 Minuten dauernde
arousal reaction, d.h. eine massive körperliche und geistige
Aktivierung im Sinne der Kampf-Flucht-Reaktion nach Cannon und der
Alarmreaktion nach Selye.
Bei Angst- und Zwangspatienten ist anfangs alles immer wieder neu
aufregend, weil durch das ständige Vermeidungsverhalten keine Gewöhnung
an die entsprechenden Auslösereize erfolgt. Die Marburger Forscher
weisen auf die Ähnlichkeit der Reizkonfrontationstherapie mit paradoxen
Therapieverfahren hin:
"Die Aufforderung, die Angst zuzulassen, beinhaltet nach unserer
Erfahrung erhebliche Anteile einer paradoxen Instruktion und sollte vor
und während des Intensivtrainings häufiger wiederholt werden."Die
Effektivität eines derartigen Vorgehens hatte bereits in den 30er
Jahren der Wiener Psychiater Viktor Frankl mit seiner Technik der
"paradoxen Intention" aufgezeigt. Die Reizüberflutungstherapie beginnt
genau mit dem, was die systematische Desensibilisierung bzw. gestufte
Reizkonfrontationstherapie gezielt zu verhindern sucht, nämlich mit der
Provokation von Emotionen und körperlichen Angstreaktionen.
Durch rasche und massive Konfrontation mit den am meisten
angstmachenden Situationen unter möglichst realistischen Bedingungen,
d.h. in Alltagssituationen, werden die bisher gefürchteten
körperlichen, emotionalen und kognitiven Reaktionen in Anwesenheit des
Therapeuten provoziert und bewältigt. Die Patienten werden ermutigt,
die angstmachenden Situationen zum Zeitpunkt der größten vegetativen
Erregung nicht zu verlassen, sondern in einer Art Beobachterposition
aushalten zu lernen.
Im Gegensatz zu Vertretern anderer Psychotherapiemethoden gehen
Verhaltenstherapeuten bei Bedarf zusammen mit ihren Patienten aus dem
Therapieraum in angstmachende Situationen des täglichen Lebens, um
ihnen diese in Form eines "Durcherlebens" besser bewältigen zu helfen
als durch ein "Darüber-Reden".
Angstbehandlung nach dem Modell der Reizüberflutung erfolgt bei einer
schweren Agoraphobie anfangs häufig gemeinsam mit einem aufmunternden
Therapeuten, der sich im Laufe der Zeit immer mehr ausblendet, kann
aber auch von Beginn an alleine durchgeführt werden oder in Begleitung
einer Vertrauensperson.
Bei vielen Patienten (vor allem bei Patienten mit angstneurotischer
Struktur im Sinne der Psychoanalyse) ist eine Reizüberflutung in
Begleitung des Therapeuten nicht möglich bzw. wenig sinnvoll, weil der
anwesende Therapeut eine Sicherheitsgarantie darstellt ("Wenn etwas
passiert, werden Sie mir helfen", "Auf Ihre Verantwortung hin mache ich
alles"), aber auch das unerträgliche Gefühl des Alleinseins mildert
("Mit Ihnen mache ich gerne alle Übungen, allein freut es mich nicht").
Viele Agoraphobiepatienten können die Übungen in Anwesenheit des
Therapeuten sogar genießen, während sie erst beim Üben allein
richtiggehend Angst bekommen.
Reizüberflutung bedeutet nach einem Bild von Marks, in das tiefe Wasser
der Angst zu springen, Desensibilisierung ist dagegen ein
zentimeterweises Hineinwaten vom seichten Ende her. Bei Therapiebeginn
erfolgt sofort eine Konfrontation mit den am stärksten angstmachenden
Situationen im Sinne einer "Überflutung" (Flooding), um rasch einen
Durchbruch zu erreichen und tage- bzw. wochenlanges Üben überflüssig zu
machen. Dabei wird anfangs mindestens 1-3 Tage lang zusammen mit dem
Therapeuten intensiv geübt, und zwar den ganzen Tag lang (mindestens
jedenfalls 4-6 Stunden), oder es finden 1-5 Übungstage innerhalb von 2
Wochen statt, während eine gestufte Reizkonfrontation im Sinne eines
Angst-Meidungs-Trainings 6 Wochen bis 6 Monate Zeit erfordert, bis sich
ein ausreichender Therapieerfolg einstellt.
Bei einem zeitlich besonders massierten Vorgehen werden in ca. 5-10
aufeinander folgenden Tagen bis zu 8-10 Stunden täglich die
symptomauslösenden Situationen aufgesucht. Trainiert wird die
Konfrontation mit angstmachenden Situationen, wie sie für den Patienten
typisch sind, aber auch wie sie in der Alltagswelt des
Durchschnittsbürgers auftreten können. Nach den Intensivtagen zusammen
mit dem Therapeuten soll der Patient die Übungen täglich allein
fortsetzen.
Durch die massierte Reizkonfrontation soll möglichst rasch und intensiv
eine Konfrontation mit den gefürchteten körperlichen, kognitiven und
emotionalen Reaktionen erreicht werden. Ohne Erleben und Bewältigung
der intensivsten Reaktionsmöglichkeiten (Panikattacke) besteht eine
potentielle Rückfallsgefahr und eine große Erwartungsangst vor dem
Schlimmsten, dem man sich nicht gewachsen sieht. Erwartungsängste
sollen dadurch abgebaut und für die Zukunft verhindert werden.
Bei der Reizüberflutungstherapie werden Angst-Panik-Reaktionen in der
realen phobischen Umwelt ausgelöst und dort zugleich adäquate
Bewältigungsstrategien eingeübt. Dieses Ziel kann durch gestuftes
Vorgehen oder durch parallel laufende Medikation niemals erreicht
werden, weil dadurch die für Angstpatienten so typische "Angst vor der
Angst" nicht überwunden wird. Durch das Erlebnis, dass auch die
stärkste Angst ausgehalten werden kann und nach einiger Zeit (5-20
Minuten) zurückgeht, erfolgt gleichzeitig auch eine "kognitive
Umstrukturierung", die durch eine ausschließlich kognitive Therapie
(Analyse und Änderung der Denkmuster) nicht so effektiv erreicht werden
kann ("Ich erlebe, dass ich Angst aushalten kann, daher glaube ich auch
zukünftig, dass ich Angst aushalten kann").
Durch eine Expositionstherapie sind oft schon nach einer Woche all jene
Ängste im Griff, die vielleicht schon seit Jahren das Leben massiv
eingeengt haben. Dies bringt zwar die schnellsten und sichersten
Erfolge, scheint jedoch nur Mutigen und gut Belastbaren vorbehalten zu
sein. Eine massierte Reizkonfrontationstherapie ist besonders bei
Phobien mit Panikattacken und Vermeidungsverhalten (Kleintierphobie,
Agoraphobie, soziale Phobie) angezeigt, weil die Betroffenen dazu
neigen, Panikattacken durch Vermeidungsstrategien zu bewältigen, die in
weiterer Folge die Angst vor der Angst nur verstärken und langfristig
die Gefahr einer sekundären Depression oder eines Alkohol- bzw.
Medikamentenmissbrauchs in sich bergen.
Bei Phobien mit Angstsymptomatik und Meidung, jedoch ohne
Panikattacken, ist eine gestufte Reizkonfrontation auf der Basis von
Selbsthilfebüchern sinnvoll, wenngleich therapieverlängernd. Das beste
Agoraphobie-Selbsthilfeprogramm stammt von Mathews, Gelder und Johnston
aus London, das von Hand und Fisser-Wilke in Hamburg übersetzt und seit
den 80er Jahren erfolgreich eingesetzt und erforscht wurde.
Hausübungen, wie sie in Form einer eigenständigen, gestuften
Angstkonfrontation jedem Patienten gegeben werden können, entsprechen
dem Prinzip der Verhaltenstherapie, dass sich Veränderungen nicht so
sehr in den therapeutischen Sitzungen, sondern vielmehr in den
Zeiträumen zwischen den Therapiestunden ereignen.
Erwartungsängste bezüglich einer Katastrophe (Panikattacke) sind am
besten durch Simulation bzw. Provokation einer solchen zu behandeln,
weil über die konkrete Erfahrung, dass keine Katastrophe eintritt, die
falschen Denkansätze der Patienten am schnellsten und überzeugendsten
korrigiert werden können.
Das Grundprinzip lautet: Realitätstestung statt Phantasieren. Ziel ist
eine realistischere Einschätzung von Situationen und körperlichen
Reaktionen.
Durch Konfrontationen mit gefürchteten Situationen, deren konkrete
Gefahren vorher oft gar nicht angegeben werden können, wird deutlich,
ob eher eine Angst vor den eigenen körperlichen Reaktionen besteht (wie
dies bei einer Panikstörung der Fall ist) oder eher eine Angst vor der
Reaktion der Umwelt (wie dies bei einer sozialen Phobie zutrifft).
Verschiedene Agoraphobiker mit Panikstörung haben keine Angst zu
sterben, sondern eine Angst, unangenehm aufzufallen, oder für verrückt
gehalten zu werden.
Marks beschreibt in seinem populärwissenschaftlich verfassten Buch
"Ängste. Verstehen und bewältigen" einem großen Leserkreis durch
Beispiele, warum das Prinzip der Konfrontation ohne Flucht so wichtig
ist:
"Um Phobien im Keim zu ersticken, lautet die goldene Regel: Vermeiden
Sie Flucht! Fördern Sie die Konfrontation mit der Angst. Nach einem
plötzlichen Unfall vergeht oft eine gewisse Zeit, bevor eine Phobie
entsteht. Wenn der Betreffende in diesem Zeitraum der ursprünglichen
Situation noch einmal unmittelbar ausgesetzt wird, bewahrt ihn das
davor, sich vor ihr zu fürchten. Es ist eine alte Erkenntnis, dass
Menschen unmittelbar nach dem ursprünglichen Trauma die traumatische
Situation noch einmal durchleben sollten. Piloten wird geraten, nach
einem Flugunfall absichtlich sobald als möglich wieder zu fliegen, und
Autofahrern wird empfohlen, sich nach einem Zusammenstoß sobald wie
möglich wieder ans Steuer zu setzen. Wenn man von einem Pferd stürzt,
ist es das Beste, gleich wieder aufzusteigen."Der Erfolg von
Konfrontationstherapien hängt sehr davon ab, dass die Betroffenen durch
ein plausibles Erklärungsmodell von der Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens
überzeugt werden können. Dies setzt nicht nur eine optimale Vermittlung
von Sachinformationen und technischen Anleitungen voraus, sondern auch
eine gute Therapeut-Patient-Beziehung, durch die ein Mensch mit
Angstzuständen erst Vertrauen und Zuversicht entwickeln kann.
Die meisten phobischen Patienten wissen im Prinzip, auf welche Weise
sie ihre Ängste überwinden könnten, nämlich durch etwas mehr Mut und
Konfrontation mit den angstmachenden Situationen, doch gerade dazu sind
sie nicht in der Lage. Angst vor bestimmten Situationen zu haben,
bedeutet, sich selbst nicht trauen zu können, aber auch sonst niemand.
Konfrontationstherapien sind daher Übungen des Vertrauens.
Angstpatienten benötigen gerade zu Beginn der Therapie eine emotionale
Unterstützung, Motivierung und Handlungsanleitung durch den
Therapeuten. Die Entscheidung zu Angstbewältigungsübungen allein oder
zusammen mit dem Therapeuten stellt einen Ausdruck des Vertrauens zum
Therapeuten dar.
Entsprechende Übungen innerhalb und außerhalb des Therapieraumes führen
zu einer Intensivierung der Therapeut-Patient-Beziehung, so dass es
später möglich wird, verschiedene persönliche Themen in die Therapie
einzubringen. Die therapeutische Beziehung ist in der
Verhaltenstherapie ebenso wichtig wie bei anderen
Psychotherapiemethoden. Die "Verhaltens"-Therapie wird durch die
Übungen auch zu einer "Erlebens"-Therapie, wie der Angst- und
Zwangsexperte Reinecker zu sagen pflegt.
Die meisten Patienten machen durch eine Konfrontationstherapie die
bisher für unmöglich gehaltene Erfahrung, dass sie auch die größte
körperliche Erregung ertragen können. Wiederholte Erlebnisse dieser Art
bewirken eine kognitive Umstrukturierung: neue Erfahrungen führen zu
neuen Einstellungen. In vielen Therapien sowie auch bei rein kognitiv
orientierter Verhaltenstherapie läuft es umgekehrt: neue Sichtweisen
sollen zu neuen Erfahrungen führen. Dies ist zwar oft der elegantere
Weg, scheitert bei Angststörungen jedoch häufig an den unkontrollierbar
erscheinenden körperlichen Symptomen und dem seit Jahren
eingeschliffenen Vermeidungsverhalten.
Aufgrund ihrer relativ stabilen Persönlichkeitsstruktur gelingt es
Agoraphobikern (ausgenommen verschiedene Personen mit sozialer Phobie)
oft recht leicht, nach einem Angstbewältigungstraining weitere
anstehende Probleme selbst zu lösen (z.B. partnerschaftliche, familiäre
oder berufliche Probleme).
Menschen mit generalisierter Angststörung, schweren Zwangsstörungen und
ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung benötigen dagegen
aufgrund ihrer frühkindlichen Beeinträchtigungen bzw. schweren sozialen
Defizite meistens eine längere Therapie. Psychoanalytiker sprechen hier
von ich-stärkenden Maßnahmen und "Nachreifung". Die Alternative
"kurz-oberflächliche Verhaltenstherapie oder lang-tiefschürfende
Psychoanalyse" ist heutzutage überholt.
Agoraphobiker mit Panikattacken fürchten letztlich nicht verschiedene
äußere Gegebenheiten, sondern ihre eigenen unkontrollierbaren
körperlichen Reaktionen in diesen Situationen. Eine
Konfrontationstherapie soll Angstpatienten helfen, ihre Symptome besser
auszuhalten. Den Betroffenen kann es anfangs manchmal so vorkommen, als
sollten sie in der Therapie dasselbe nochmals versuchen, das sie selbst
schon oft erfolglos probiert haben, nämlich Angst und Panik mutiger zu
ertragen. Ein typisches Beispiel dafür ist die Frage: "Ich weiß, ich
habe die Panikattacken bisher immer ausgehalten und überlebt, aber geht
es nicht doch irgendwie ohne diese Attacken?"
Bei der Konfrontationstherapie geht es nicht darum, schnell etwas
"wegzumachen", sondern das Erlebte vorerst einmal besser annehmen und
aushalten zu lernen, um über diese Erfahrungen einen besseren Zugang zu
sich selbst zu erhalten. Dies entspricht gestalttherapeutischen
Konzepten ("awareness", "experiencing").
Oft reicht schon eine einmalige (zweistündige) Realitätstestung aus, um
das weitere Vermeidungsverhalten zu beenden und den Betroffenen vor
Augen zu führen, welche anderen Probleme vielleicht zum Vorschein
kommen (berufliche oder partnerschaftliche Probleme, Konflikte zwischen
Mutterschaft und Berufswunsch bei Frauen bzw. zwischen
Autonomiewünschen der Ehefrau und Dominanzstreben des Gatten usw.). Wo
dies der Fall ist, werden bereits durch eine kurze
Konfrontationstherapie die zugrunde liegenden Probleme auch für den
Patienten deutlich, ohne dass der Therapeut den Betroffenen des
Widerstands gegen diese Erkenntnis beschuldigen muss.
Eine Konfrontationstherapie verhindert Depression und Dauerstress und
kann nach Hand bei Phobikern als antidepressive Therapie angesehen
werden. Agoraphobiker entwickeln oft als Folge der nicht bewältigbar
erscheinenden, lebenseinengenden Ängste eine ausgeprägte Depression mit
reduziertem Selbstwertgefühl. Beeindruckende Anfangserfolge
durchbrechen die depressiv gefärbten Versagensängste, stärken das
Selbstvertrauen und die Hoffnung auf einen erfolgreichen
Therapieabschluss.
Viele Phobiker haben so starke Erwartungen des eigenen Versagens in
phobischen Situationen, dass sie die ersten Erfolgserlebnisse bald
entwerten durch die neuerliche Vorstellung möglicher Gefahren. Dies
erfordert weitere Übungen, um die Erwartung von Erfolgserlebnissen
aufzubauen.
In England wurden im Laufe der Zeit durch verschiedene Studien einige
Konzepte der verhaltenstherapeutischen Angstbehandlung revidiert.
Demnach schadet das Verlassen der Situation bei Angst dem
Therapieerfolg ebenso wenig wie die Anwesenheit des Therapeuten nützt.
Rachman, einer der Mitbegründer der Verhaltenstherapie, stellte ein
zentrales Prinzip der traditionellen verhaltenstherapeutischen
Angstbewältigung in Frage. Die Reaktionsverhinderung, d.h. das Prinzip,
angstmachende Situationen zum Zeitpunkt größter Angst nicht zu
verlassen, ist nach 1986 publizierten Forschungsergebnissen für den
Therapieerfolg nicht unbedingt notwendig. Die Rachman-Gruppe stellte
gleich hohe Therapieerfolge fest, wenn den Patienten erlaubt wurde, die
phobischen Situationen zu verlassen, sobald sie ein hohes Angstniveau
erreicht hatten.
Die Therapieerfolge nach dem Hamburger Konzept, das Flucht
grundsätzlich "erlaubt", scheinen diesen Befund indirekt zu bestätigen.
Nach verschiedenen Autoren ist als gemeinsamer Nenner aller
erfolgreichen Angstbehandlungen die Konfrontation mit den
angstmachenden äußeren und inneren Reizen anzusehen, die zu einer
kognitiven Neubewertung körperlicher Reaktionen und situativer
Gegebenheiten führt.
Die Forderung, in der angstmachenden Situation unbedingt auszuharren
und erst nach Abklingen der Angst den jeweiligen Aufenthaltsort zu
verlassen, weist auf die lerntheoretischen Wurzeln der
Konfrontationstherapie hin: durch das Vermeidungsverhalten erfolge
keine ausreichende "Löschung" des Angstverhaltens, weil dieses durch
die erfolgreiche Aktion der Flucht immer wieder verstärkt werde. Dies
trifft zwar oft zu, eine Verallgemeinerung ist daraus jedoch nicht
ableitbar. Die Möglichkeit zur Flucht kann ein Gefühl der Souveränität
vermitteln und das Aushalten der Angst erleichtern.
Das Team um Marks in London bestätigte im Rahmen einer großen Studie an
99 phobischen Patienten die Ergebnisse anderer Untersuchungen, dass
sich die meisten Phobiker wesentlich verbessern durch systematische
Selbstkonfrontation und wenig profitieren von zusätzlicher
therapeutengeleiteter Exposition. Die in der klinischen Praxis oft
anzutreffende Konfrontationstherapie in Begleitung eines Therapeuten
scheint demnach unter dem Gesichtspunkt von Aufwand und Ertrag nicht
erforderlich zu sein. Amerikanische Studien zur Behandlung von
Panikattacken weisen ebenfalls darauf hin, dass ein reduzierter
Therapeutenkontakt oft schon einen ausreichenden Therapieerfolg
garantiert. Die Erkenntnisse der englischen und amerikanischen Studien
haben zur Folge, dass der Stundenaufwand für Therapeuten bei
Angstbehandlungen deutlich reduziert werden kann, weil das gemeinsame
Üben in Alltagssituationen entfällt. Zumindest in günstigen Fällen
können körperbezogene Übungen und Erfahrungen in Gegenwart des
Therapeuten auf den Therapieraum begrenzt werden, ähnlich wie dies z.B.
in der Gestalttherapie erfolgt.
Bei Konfrontationstherapien geht es nicht primär darum, die Patienten
mit gefürchteten Situationen oder Orten zu konfrontieren, sondern mit
den dabei auftretenden, als gefährlich und unkontrollierbar erlebten
Symptomen. Wenn dies im Therapieraum durch bestimmte
Provokationsübungen gelingt, wird das selbständige Aufsuchen der
gefürchteten Situationen erleichtert. Sollte dies nicht möglich sein,
werden genau jene Situationen aufgesucht, wo die gefürchteten
körperlichen Zustände auftreten.
Bei einer Konfrontationstherapie geht es weniger um
Bewältigungserfahrungen im Sinne von "Sie sehen, was Sie alles
aushalten können", als vielmehr darum, den Patienten im Rahmen einer
verbesserten Selbstwahrnehmung zu zeigen, wie sie selbst den
gefürchteten Angstkreislauf aufschaukeln.
Im Sinne eines zeitökonomischen Vorgehens sind keine stunden- oder
tagelangen gemeinsamen Übungen erforderlich, um dem Patienten in jeder
nur denkbaren Situation das Gefühl der Kontrolle zu vermitteln, sondern
lediglich eine gezielte Auswahl von panikprovozierenden Situationen.
Ohne Bereitschaft zum Erleben einer ausgeprägten Panikattacke sind
Stadtübungen bei Agoraphobie mit Panikstörung wenig sinnvoll, weil
aufgrund der Erwartungsängste kein ausreichender Generalisierungseffekt
auftritt.
Die massierte Reizkonfrontation mit anschließender
Reaktionsverhinderung (kein Verlassen der angstmachenden Situation,
nicht durch Zwang, sondern durch eigene Entscheidung) sollte aus zeit-
und geldökonomischen Gründen sowie aufgrund der Forschungsergebnisse
das Mittel der Wahl bei Agoraphobie mit Panikattacken sein.
Im deutschen Sprachraum gibt es neben den verschiedenen
psychosomatischen Fachkliniken verhaltenstherapeutischer Ausrichtung
und zahlreichen anderen Behandlungsstätten zwei große Zentren, an denen
seit vielen Jahren Konfrontationstherapien bei zahlreichen Patienten
durchgeführt und empirisch überprüft werden:
- Christoph-Dornier-Stiftung
für Klinische Psychologie in Münster, Marburg, Dresden und Braunschweig
(Leiter der Stiftung: Prof. Wolfgang Fiegenbaum).
- Verhaltenstherapie-Ambulanz der psychiatrischen Universitätsklinik in Hamburg (Ärztlicher Leiter: Prof. Iver Hand).
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Daneben gibt es ein integratives Behandlungskonzept des Münchner
Psychologie-Professors Willi Butollo, das die Expositionstherapie mit
einer gestalttherapeutischen Gruppentherapie verbindet. Dabei steht das
emotionale Erleben im Vordergrund.
In den psychosomatischen Fachkliniken in Deutschland wird nach
derartigen Angstbehandlungsprogrammen gearbeitet, z.B. in der Klinik
Roseneck in Prien am Chiemsee, die sehr zu empfehlen ist. Auf Antrag
übernehmen auch die österreichischen Krankenkassen die Kosten
(gewöhnlich Befürwortung durch einen Nervenfacharzt).
Das Modell der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie
Die Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie wurde 1989
durch den Schweizer Industriellen Dornier gegründet mit dem Ziel, den
Fortschritt der Psychologie als Wissenschaft und deren Anwendung zur
Lösung konkreter Lebensprobleme zu fördern. Die Stiftung hat ihren
Hauptsitz in Münster und weitere Zentren in Marburg, Braunschweig,
Dresden und Berlin, andere sollen folgen. Am besten ausgebaut sind
derzeit die Behandlungsmöglichkeiten im Christoph-Dornier-Centrum für
Klinische Psychologie in Münster. Die Intensivtherapie erfolgt dort im
Rahmen eines hotelartigen Aufenthalts. Das Behandlungszentrum umfasst
48 Einzelzimmer.
Bei rund 80% der in den ersten 5 Jahren in Münster behandelten 800
Angstpatienten (davon zwei Drittel Frauen) war die Therapie
erfolgreich. Die Therapie findet ohne jede medikamentöse Unterstützung
statt, um alle erreichten Erfolge der eigenen Leistung zuschreiben zu
können. Das ganze Behandlungskonzept soll eine Alternative darstellen
zur traditionellen Einzeltherapie in der freien Praxis, die höchstens
mehrstündige Sitzungen erlaubt, aber auch zu einem oft mehrmonatigen
Klinikaufenthalt, der die Betroffenen zu lange aus ihrer
Alltagsrealität herausnimmt. Nach einem eintägigen ambulanten
Diagnostik- und Informationstag haben die Betroffenen mehrere Tage
Bedenkzeit, um sich für oder gegen den erstellten Behandlungsvorschlag
entscheiden zu können.
Die Expositionstherapie umfasst eine gewöhnlich 1-2 Wochen dauernde
Intensivtherapie, wobei täglich 6-10 Stunden lang in Alltagssituationen
außerhalb der Therapieeinrichtung geübt wird, angstmachende Situationen
zu bewältigen. Die Behandlung besteht aus einer reinen Einzeltherapie,
die aufgrund einer vorherigen intensiven Verhaltensanalyse genau auf
die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten wird.
Es werden möglichst viele verschiedene Situationen ausgewählt (Fahrten
mit Privatauto, Schnellzug, Bus, Straßenbahn, U-Bahn, Taxi, Lift, Boot,
Seilbahn, Stadtrundfahrt, Flug in eine andere Stadt mit Übernachtung in
einem Hotel, Essen in einem überfüllten Lokal sowie in einem
Zugrestaurant, Theaterbesuch, Saunabesuch, Aufenthalt in
Großkaufhäusern, Bummeln in überfüllten Fußgängerzonen, Besteigung von
Türmen, Spaziergang im Wald, Sprechen in der Öffentlichkeit usw.).
Von Beginn an erfolgt eine Konfrontation mit den am stärksten
angstmachenden Situationen, wobei die Patienten an der Ausführung ihres
Vermeidungsverhaltens gehindert werden, was in der
Informationsbroschüre ausdrücklich vermerkt ist. Die angstmachenden
Situationen werden stets erst nach vollständigem Abklingen der Angst
verlassen. Die Therapie erfolgt anfangs zusammen mit einem Therapeuten,
so bald als möglich allein, d.h. die Therapeut-Patient-Beziehung wird
nach einigen Tagen auf die tägliche Vorbereitung und Auswertung der
Expositionsübungen beschränkt. Die spätere Eigentherapie am Heimatort
wird vorbereitet und durch telefonische Kontakte unterstützt. Eine
kürzere stationäre Wiederaufnahme ist möglich.
Die Angstbewältigungstherapie beschränkt sich nach dem Prinzip der
"minimalen Intervention" in der Regel auf die Expositionsbehandlung und
verzichtet bewusst auf die Durchführung komplexer Therapieprogramme im
Sinne einer Breitbandtherapie. Die über die Angst hinausgehenden
Störungen werden durch ambulante Therapieeinrichtungen in der
Wohngegend der Patienten behandelt, zu denen ein enger Kontakt gesucht
wird.
Das Hamburger Modell
In der Verhaltenstherapie-Ambulanz der psychiatrischen
Universitätsklinik in Hamburg wird folgende Anleitung zur massierten
Reizkonfrontation gegeben, die primär in Form einer Gruppentherapie
erfolgt:
"Lassen Sie alle aufkommenden Gefühle zu, beobachten und beschreiben
Sie (anfangs bei therapeutenbegleiteten Übungen oft lautes
Verbalisieren erforderlich, später in innerer Selbstsprache) die
Realität Ihrer Umgebung und die Reaktionen Ihres Körpers; gehen Sie
nicht Ihren Phantasien über möglicherweise gleich eintretende
schreckliche oder katastrophale Ereignisse nach - versuchen Sie aber
auch nicht, Ihre Angst oder andere unangenehme Gefühle durch
irgendwelche Gedanken oder Verhaltensmanöver zu unterdrücken; wenn auf
diese Weise die Situation für Sie scheinbar unerträglich wird,
versuchen Sie, sich weitere 10 Sekunden zu geben, um in der Situation
zu bleiben und mit der Beschreibung der äußeren und inneren Realität
fortzufahren; vergleichen Sie dann, ob die eingetretenen Reaktionen
Ihren Erwartungen entsprechen und entscheiden Sie, ob Sie noch weitere
10 Sekunden ausharren können (usw. usw.)."Die Konzentration auf die
unmittelbare Gegenwart durch Beobachtung des Körpers und Verbalisierung
der aktuellen Erfahrungen soll Katastrophenphantasien verhindern.
Die fortlaufende Selbstbeschreibung der äußeren und inneren Realität
(anfangs laut in Anwesenheit des Therapeuten) soll vor allem auch die
kontinuierliche Konzentration auf die angstmachenden Reize sowie auf
die aktuelle Körperwahrnehmung sicherstellen und die gewohnten
Vermeidungsmanöver unterbinden.
Eine Langzeittherapeutenbegleitung bei der Reizkonfrontation wird abgelehnt:
"Im allgemeinen genügen 2 jeweils 2- bis 5stündige Sitzungen, um eine
Symptomreduktion zu erreichen und weitere Expositionen vom Patienten
durchführen zu lassen. Ist diese bis dahin nicht eingetreten, liegt
meist eine von 2 denkbaren Komplikationen vor: Die erste besteht in
Motivationsproblemen hinsichtlich eines Abbaus der Symptomatik oder
eines Aufbaus alternativer Verhaltensweisen. In so einem Falle werden
fortgesetzte Expositionsübungen Ersatzrituale für Symptomrituale oder
auch kurzfristiger Lebensinhalt; der Therapeut unterstützt mit dieser
Scheinlösung nur die Ambivalenz des Patienten im Hinblick auf
Veränderungen in relevanten Problembereichen. Die zweite denkbare
Komplikation besteht im Ausbleiben der psycho-physiologischen
Habituation trotz voller Kooperation des Patienten. Längeres Fortsetzen
der Übungen wird dann eher die allgemeine Irritierbarkeit im
Alltagsleben erhöhen, als einen späteren Erfolg bringen."
Im Hamburger Modell der Reizüberflutung ist die Konfrontation mit den
angstauslösenden realen oder imaginären Reizen lediglich Mittel zum
Zweck der Konfrontation mit den eigenen Reaktionen, den dadurch
ausgelösten Gedanken, Gefühlen und körperlichen Reaktionen des
Betroffenen (Reizüberflutung zur Herbeiführung einer
Reaktionsüberflutung). Dabei wird nicht selten erkannt, dass andere
Affekte als Angst die körperliche Symptomatik bewirken (z.B. Ekel,
Ärger, Aggression, Depression, Leeregefühl, traumatische Erfahrungen,
die bislang verdrängt wurden). Eine derartige Konfrontationstherapie
berücksichtigt Elemente aus anderen Psychotherapiemethoden:
Psychoanalyse, Gestalttherapie, Psychodrama und bestimmte
Gruppentherapien.
Bei guter Mitarbeit des Patienten kann die Konfrontation mit den
angstauslösenden Reizen in der Realität reduziert oder gar überflüssig
werden. Wenn im Therapieraum durch Gespräche, Vorstellungsübungen oder
Provokationstechniken (z.B. Hyperventilation, Einleitung eines
Drehschwindels, bestimmte Bewegungen) eine panikähnliche Symptomatik
auch ohne Konfrontation mit den realen Reizen ausgelöst und deren
Bewältigung vermittelt werden kann, ist dem Patienten anschließend
häufig die eigenständige Angstbewältigung möglich, da auch dort der
kompetente Umgang mit den eigenen Reaktionsmustern entscheidend ist.
Oft können die Betroffenen bereits im Therapieraum lernen, jene
psychovegetativen Reaktionen (z.B. Herzrasen, Atemnot, Schwindel,
Ohnmachtsangst) auszulösen und zu bewältigen, die in Realsituationen am
meisten gefürchtet werden. Durch die Übungen wird auch die
Patient-Therapeut-Beziehung intensiviert, was nach der
Symptombehandlung den Einstieg in andere emotional schmerzliche
Problembereiche erleichtert.
Hand weist darauf hin, dass die möglichen Auswirkungen einer raschen
Symptombeseitigung auf die eheliche Beziehung rechtzeitig beachtet
werden müssen:
"Von großer Bedeutung kann allerdings die Vorbereitung der Partner von
Agoraphobikern auf einen raschen Symptomabbau sein. Besonders nach
jahre- oder jahrzehntelangem Krankheitsverlauf mit starker Einengung
der Beweglichkeit auch des Partners, kann der in der Regel innerhalb
von 3- bis 5tägiger Expositionsbehandlung eintretende starke
Symptomabbau bei dem Partner zu aggressiven Reaktionen statt zur
Entlastung führen: wenn es so leicht war, die Krankheit zu beheben,
dann kann diese auch lange nicht so ‚schwer’ gewesen sein, wie es all
die Jahre den Anschein hatte. Der Partner fühlt sich im nachhinein
getäuscht und missbraucht und sinnt nun auf ‚Wiedergutmachung’..."
Das Hamburger Modell unterscheidet sich in verschiedenen Punkten
vom Modell der Christoph-Dornier-Stiftung:
- Geographischer
Umfang der durchgeführten Reizkonfrontation. Dem Team um Hand reicht im
Kontext des beschriebenen Angst-Managements eine Reizüberflutung in und
um Hamburg bzw. am Wohnort, bevorzugt also in der natürlichen Umwelt
des Patienten, während in der Christoph-Dornier-Stiftung unbedingt auf
große Entfernungen und möglichst viele, auch eher seltene
Lebenssituationen (hohe Berge, Fliegen, Ausland) Wert gelegt wird, d.h.
auf Reisen über hunderte von Kilometern in kurzer Zeit. Die Hamburger
Verhaltenstherapeuten halten dagegen nichts von therapeutenbegleiteten
Fernreisen (außer vielleicht bei einer massiven Flugphobie). Am
Therapiekonzept der Christoph-Dornier-Stiftung kann kritisiert werden,
dass nicht jede Angst, die in allen nur möglichen und unmöglichen
Situationen auftreten kann, vorbeugend behandelt werden muss. Es
reicht, dass Angstpatienten jene Situationen meistern lernen, die im
alltäglichen Leben zu erwarten sind.
- Art
der Aktivierung emotionaler und physiologischer Angstkomponenten bei
der Reizkonfrontation. Nach dem Konzept der Christoph-Dornier-Stiftung
kommt es bei der Angstbewältigung primär darauf an, durch ausreichend
lange Dauer der Reizkonfrontation den Patienten den Effekt der
Gewöhnung (Habituation) an die angstmachende Situation erfahrbar zu
machen. Die Patienten sollen die körperlichen Alarmreaktionen erleben
und besser ertragen lernen. Das Hamburger Konzept verwendet die
Reizkonfrontation auch gezielt zu einer erweiterten Selbsterforschung
und Problemanalyse der Patienten im Zustand hoher emotionaler Erregung.
Dies kann manchmal eine "kathartische Entblockung", d.h. eine heilsame
emotionale Entladung, bewirken. Frühere, dem Bewusstsein bislang nicht
mehr zugängliche traumatische Erlebnisse und Erfahrungen können bewusst
werden. Nach dem Modell der Christoph-Dornier-Stiftung werden derartige
Aspekte nach der Durchbrechung des Vermeidungsverhaltens bei Bedarf von
Therapeuten am Heimatort behandelt.
- Art
der Reaktionsverhinderung. Im Hamburger Modell behält der Patient die
volle Entscheidung darüber, ob er die angstmachende Situation verlassen
will oder nicht, wenngleich er zum Durchhalten ermutigt wird. In der
Christoph-Dornier-Stiftung unterschreiben die Patienten, dass sie bei
Fluchtverhalten vom Therapeuten daran gehindert werden dürfen. Nach
Hand widerspricht dies dem Selbstmanagement-Konzept und stellt eine
"passagere Entmündigung" des Patienten dar. Dies sei ethisch bedenklich
und therapeutisch unnötig (weit über 90% derer, die die angstmachende
Situation kurz verlassen haben, nehmen die Übung wieder auf).
- Art
des Settings (Einzel- oder Gruppentherapie). Im Hamburger Modell
erfolgt die Reizkonfrontationstherapie vorwiegend in Gruppen, in der
Christoph-Dornier-Stiftung dagegen stets in Form einer Einzeltherapie.
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Integrative Angstbewältigungstherapie nach Butollo
Der Münchner Psychologieprofessor Butollo arbeitet nach einem
integrativen, therapieschulenübergreifenden Behandlungsmodell, das
gegenwärtig in seiner Wirksamkeit überprüft wird. Es handelt sich dabei
um eine Integration von Verhaltenstherapie und Gestalttherapie unter
Berücksichtigung systemischer Aspekte:
- Zu
Therapiebeginn wird mit Hilfe einer Reizkonfrontationstherapie die
agoraphobische Symptomatik im Rahmen einer Einzeltherapie durchbrochen.
Dabei wird von Anfang an großer Wert auf "awareness" gelegt, d.h. auf
das "Gewahr-Sein" der aktuell ablaufenden Prozesse. Im Mittelpunkt
steht die Wahrnehmung der momentanen körperlichen und emotionalen
Reaktionen sowie die Wahrnehmung von Beziehungen (ähnlich wie dies auch
im Konzept von Hand erfolgt). Es geht um eine Schulung der
Selbstwahrnehmung ohne sofortige Beeinflussung der ablaufenden
Prozesse. Das Therapieziel ist nicht einfach, die Angst besser
aushalten zu lernen, sondern sich selbst besser wahrnehmen und erleben
zu lernen. Die bewusste Hinwendung auf die körperlichen und emotionalen
Vorgänge vor und während eines Angstzustandes verhindert die ständigen
kräfteraubenden Abwehrversuche von befürchteten Zuständen, die nicht
erträglich erscheinen und daher ständige Erwartungsängste vor etwas
nicht Bewältigbarem aufrechterhalten.
- Nach
der Konfrontationstherapie wird die Behandlung für Interessierte nach
den Methoden der Gestalttherapie fortgesetzt (individuelle
Gestaltarbeit in der Gruppe). Es handelt sich dabei um eine
gestalttherapeutische Gruppentherapie von 10 Sitzungen, die nach einer
Therapiepause von 3-4 Monaten durch einen weiteren Block von 10
Sitzungen ergänzt wird. Im Mittelpunkt steht dabei die "emotionale
Exposition", d.h. der Kontakt mit Angst und allen Arten von Emotionen
(Aggression, Trauer, Depression usw.). Menschen mit Angststörungen
können gut umgehen mit "Angst-Vermeiden", nicht jedoch mit
"Angst-Haben". Die Überzeugung, Angst aushalten zu können, statt sie
durch "Löschen" überwinden zu müssen, soll gestärkt werden. Bei der
Konfrontationstherapie sei das lerntheoretische Paradigma der Löschung
von Angst im Vordergrund gestanden statt das Wahrnehmen, Erleben und
Ausdrücken von Emotionen, wie dies besonders von der Gestalttherapie
betont werde.
- Durch
die Gruppentherapie werden auch systemische Aspekte berücksichtigt,
denn Ängste stellen versteckte Beziehungsbotschaften dar. Wenn die
Angststörung nicht mehr im Vordergrund steht, wird die Kontaktstörung
deutlicher sichtbar und behandelbar. Dann zeigt sich, dass die Angst
die Funktion hatte, die Beziehungsstörung zu verdecken. Nach Butollo
weisen viele Menschen mit Angststörungen eine dependente
Persönlichkeitsstruktur auf, d.h. eine starke Abhängigkeit von
Bezugspersonen. Dies wiederum hängt oft mit einer lebensgeschichtlichen
Entwicklung zusammen, die durch frühkindliche Traumata geprägt wurde.
Verlusterfahrungen und Beziehungsabbrüche haben zu einer großen
Unsicherheit und Beeinträchtigung des Vertrauens in die Welt geführt.
Der Gegenpol von Angst ist Vertrauen, das gerade Angstpatienten nach
negativen Lebenserfahrungen erst wieder aufbauen müssen.
- Im
Einzelfall werden auch unerledigte traumatische Erfahrungen bearbeitet.
Häufig stellt Angst die Folge eines Traumas dar, d.h. einer schweren
seelischen Verwundung zumeist in der Kindheit.
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Weitere Verbesserungen der verhaltenstherapeutischen Angstbewältigungstherapie
Zur weiteren Effizienzsteigerung der Angstbewältigungstherapie werden
neben der kognitiven Therapie nach Beck immer häufiger auch systemische
(familien- und partnerbezogene) Sichtweisen berücksichtigt, ein Trend,
der in der Verhaltenstherapie ganz allgemein festzustellen ist. Dies
kann auf vier verschiedene Arten erfolgen:
- Stärkere
Berücksichtigung interaktioneller bzw. partnerschaftlicher Aspekte im
Rahmen einer Einzeltherapie (wie bei einer systemisch orientierten
Einzeltherapie).
- Partnerunterstützte
Einzeltherapie. Einbeziehung des Partners im Rahmen einer primär am
Patienten ausgerichteten Therapie. Der Einsatz des "gesunden" Partners
als Kotherapeut ist dann unproduktiv, wenn dieser selbst an der
Entstehung oder Eskalation der Angststörung beteiligt ist. Das
Hamburger Team hat mit der Einbeziehung des Partners in das
Selbsthilfeprogramm oft schlechte Erfahrungen gemacht.
- Verhaltenstherapeutische
Partnertherapie (Kommunikations- und Problemlösetraining) nach einer
erfolgreichen Einzeltherapie (Konfrontationstherapie).
- Partnertherapie
anstelle einer Konfrontationstherapie oder als zusätzliche
Behandlungskomponente. Aufgrund der zunehmenden Bedeutung systemischer
Sichtweisen innerhalb der Verhaltenstherapie erfolgt oft eine
kombiniert verhaltenstherapeutisch-systemisch ausgerichtete
Partnertherapie.
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Bei der Behandlung von Menschen mit Angst- und Panikzuständen, die zu
einer körperlichen Schonhaltung neigen, ist oft auch eine
körperbezogene Therapie mit dem Ziel der physiologischen Aktivierung
und Symptomprovokation angezeigt. Das traditionelle Erlernen von
Entspannungstechniken (z.B. autogenes Training) zur Dämpfung von
chronischer Anspannung ist zwar durchaus wichtig und wertvoll, dient
bei dieser Patientengruppe jedoch zu sehr dem Zweck, jede Form von
Anspannung wegen des angsterzeugenden Effekts wegentspannen zu wollen.
Wenn die körperliche Ebene bei einer starken Somatisierung zur
stellvertretenden Konfliktebene geworden ist, wird nicht nur durch
Medikamente, sondern auch durch reine Entspannungstechniken keine
Sensibilisierung dafür entwickelt, was wirklich körperlich so
bedrängend ist.
Ein körperorientiertes Vorgehen war in der Verhaltenstherapie zu sehr
auf spannungsmindernde Methoden bezogen oder sollte durch eine
Konfrontationstherapie nur eine Habituation an die angstmachenden Reize
bewirken. Zukünftig sind vermehrt Konzepte und Techniken zu
berücksichtigen, die anderswo unter folgenden Bezeichnungen bekannt
sind: körperorientierte Psychotherapie, Leibtherapie, Sporttherapie.
Körperliche Aktivierung und körperbezogene Erfahrungen dienen nicht nur
im Sinne von Belastungstraining, Sport, Turnen, Langsamlauftherapie
oder Schwimmtherapie dazu, chronische Verspannungszustände als Folge
des ständigen ängstlichen Denkens abzureagieren oder körperliche
Fitness anstelle der ausgeprägten hypochondrischen Schonhaltung
aufzubauen, sondern haben vielmehr auch den Zweck, den Körper im
buchstäblichsten Sinn als Ausdruck der Seele wahrnehmen zu lernen.
Psychotherapie als geplante Intervention zur Veränderung des
Verhaltens, Erlebens und Denkens bedarf zukünftig auch im
verhaltenstherapeutischen Setting stärker als bisher eines
Verständnisses, das den Körper als Ort und Mittel für den Zugang zur
Seele ernstnimmt.
Anleitung zur Konfrontationstherapie für Psychotherapeuten
25 Ratschläge sollen erfahrenen Psychotherapeuten aller Methoden die
Durchführung einer Konfrontationstherapie bei Agoraphobie mit und ohne
Panikstörung ermöglichen. Potentielle Verhaltenstherapiepatienten
werden durch diese Darstellung informiert, auf welche
Behandlungsprinzipien ein Verhaltenstherapeut achtet bzw. achten sollte.
- Führen
Sie eine detaillierte Motivations-, Bedingungs-, Verhaltens- und
Funktionsanalyse des Angstverhaltens durch, bevor Sie aktionsorientiert
vorgehen. Lassen Sie sich auf keinen blinden Aktionismus ein. Eine
Konfrontationstherapie erfordert stets die Einbettung in eine
therapeutische Gesamtstrategie.
- Klären
Sie alle Kontraindikationen ab (Psychose in der Anamnese, gegenwärtig
primäre Depression, Herzerkrankung, Epilepsie, Entzugssymptomatik,
aktuell notwendige, hohe medikamentöse Dosierung). Vermeiden Sie auf
diese Weise gefährliche Situationen (z.B. Provokation eines
Herzanfalls, epileptischen oder psychogenen Anfalls, Durchbruch
psychotischer Ängste, Risiken bei Borderline-Persönlichkeitsstörung,
depressiver Zusammenbruch, verstärkte Angstabwehr durch Zwangssymptome,
Misserfolgserlebnis bzw. noch mehr Angst bei geringer Übungsmotivation).
- Achten
Sie genau auf das Ausmaß der Eigen- bzw. Fremdmotivation für eine
Konfrontationstherapie. Will der Betroffene seine Störung wegen sich
oder primär wegen des ständigen Drängens anderer (z.B. Kritik des
Partners) loswerden?
- Verschaffen
Sie sich einen Überblick darüber, welche anderen Probleme und Störungen
neben der Angstsymptomatik noch gegeben sind. Sind die Angstsymptome
die primäre Störung oder die sekundäre Folge anderer Störungen (z.B.
Depression, Erschöpfungszustände, Alkoholmissbrauch usw.)?
- Finden
Sie heraus, wie die Angststörung entstanden ist, und durch welche
Bedingungen sie gegenwärtig aufrechterhalten wird. Achten Sie anfangs
nur darauf, wie Sie die aktuellen, problemerhaltenden Bedingungen
unterbrechen können.
- Beurteilen
Sie, wie sehr die Ängste Ausdruck einer Hemmung und Vermeidungshaltung
bzw. Ausdruck mangelnder sozialer Kompetenz sind.
- Nehmen
Sie eine Abgrenzung zwischen intraindividuellen und interaktionellen
Funktionen der Angstsymptome vor. Wenn Sie eine Konfrontationstherapie
im Rahmen einer Individualtherapie durchführen, sollten Sie die
möglichen Auswirkungen auf die Partner- und Familiensituation beachten
und thematisieren.
- Sprechen
Sie (wenn möglich) mit dem Partner bzw. der Bezugsperson des
Betroffenen über die Konsequenzen einer schnellen Symptomreduktion für
die Partnerschaft. Welche Auswirkungen hätte die plötzliche
Angstfreiheit auf die Partnerschaft? Der Partner ist auf eine rasche
Änderung oft nicht vorbereitet, so dass eventuell
Partnerschaftsprobleme resultieren könnten, die durch rechtzeitige
Vorbeugung zumindest gemildert werden könnten. Oft kann der "gesunde"
Partner mit der plötzlichen Symptomfreiheit nicht umgehen.
- Erklären
Sie den Patienten vor Übungsbeginn das Konzept von Angst und ihrer
Reduktion. Die Entwicklung eines adäquaten Gesundheitsmodells im Sinne
des Wissens darum, wie man gesund wird, beschleunigt und stabilisiert
Erfolge, die oft falschen Erklärungskonzepte der Patienten für ihre
psychovegetativen Symptome verstärken die Ängste (Herzinfarkt,
"Nervenzusammenbruch", Verrücktwerden).
- Achten
Sie darauf, dass Psychopharmaka nur allmählich abgesetzt
("ausgeschlichen") werden. Der plötzliche Verzicht auf Tranquilizer und
Antidepressiva kann zu Panikattacken führen. Benzodiazepine sollten
wenigstens 2 Wochen vor Beginn der Konfrontationstherapie abgesetzt
werden, weil sonst die Erfolge den Medikamenten zugeschrieben werden
und die eigene Leistung geschmälert wird (diese Behauptung ist
neuerdings umstritten und empirisch nicht ausreichend abgesichert, so
dass auch eine Kombinationstherapie möglich ist). Antidepressiva können
bei entsprechender Indikation weiter eingenommen werden. Nach
verschiedenen Studien bringt die Kombination von Verhaltenstherapie und
Pharmakotherapie (mit bestimmten angstdämpfenden Antidepressiva wie den
selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern) bei schweren Angststörungen
die raschesten Erfolge.
- Verwenden
Sie für die Beschreibung des Ausmaßes der Angst eine Angst-Skala (von
0-10), um ein einfaches Veränderungsmaß zu haben, das ohne lange
Erklärungen eine rasche Therapeut-Patient-Kommunikation über die
aktuelle Befindlichkeit ermöglicht.
- Begleiten
Sie den Patienten in die angstbesetzte Situation und unterstützen Sie
ihn bei der Konfrontation mit den wichtigsten angstauslösenden
Situationen, entweder gestuft (üben Sie von leichten bis schweren
Situationen) oder massiert (beginnen Sie mit den am meisten
angstmachenden Situationen). Ermutigen Sie den Patienten, möglichst die
massierte Vorgangsweise zu wählen. Wenn der Patient die
Konfrontationstherapie ohne Ihre Anwesenheit durchführt, empfehlen Sie
ihm ein gutes Selbsthilfebuch (z.B. das Buch "Platzangst" von Mathews,
Gelder und Johnston, das Hand und Fisser-Wilke für den deutschen
Sprachraum adaptiert haben).
- Bauen
Sie durch Ihre wohlwollende Unterstützung die Motivation des Patienten
ständig immer weiter auf. Sie verhindern dadurch eine manchmal
auftretende Resignationsneigung.
- Verstärken
Sie das Verbleiben in der angstbesetzten Situation, bis die Angst
deutlich abgenommen hat. Ein Verlassen der Angstsituation zum Zeitpunkt
der größten psychovegetativen Erregung führt dazu, dass der Misserfolg
am Abschluss der Übung emotional stärker erinnert wird als der
anfängliche Erfolg, was zur Folge hat, dass entsprechende angstmachende
Situationen zukünftig immer weniger aufgesucht werden.
- Wenn
ein Meidungsverhalten auftritt, schlagen Sie dem Patienten etwas
später, d.h. noch im Rahmen desselben Übungstages, das Wiederaufsuchen
der gemiedenen Situation vor.
- Die
Entscheidung zum (Wieder-)Aufsuchen oder Verlassen einer Situation
verbleibt immer beim Patienten. Schränken Sie den Patienten keinesfalls
durch einen entmündigenden Therapievertrag ein und üben Sie keinen
Zwang zum Durchhalten aus. Der Patient ist für sein Leben und Verhalten
selbst verantwortlich. Vor einem vom Patienten gewünschten Abbruch der
Übung diskutieren Sie mit ihm über die Folgen seines Verhaltens, um ihn
dadurch vielleicht zum Durchhalten ermutigen zu können.
- Wiederholen
Sie auch bereits gemeisterte leichtere Situationen, um das
Erfolgserleben des Patienten zu verstärken. Dies gilt insbesondere auch
angesichts von mit großem Energieaufwand geschafften schwierigeren
Übungen, die erste Selbstzweifel des Patienten über den Gesamterfolg
der Therapie bewirkt haben.
- Überprüfen Sie den Erfolg jeder Sitzung und diskutieren Sie Fortschritte und Konsequenzen des neuen Verhaltens.
- Vereinbaren
Sie zwischen den Therapieterminen Übungsaufgaben, die der Patient
allein erledigt, und ermutigen Sie den Patienten zum tägliches Üben.
- Ziehen
Sie sich im Laufe der Sitzungen zunehmend zurück und lassen Sie den
Patienten das Konzept selbst anwenden. Der Patient soll die Begegnung
mit den gefürchteten Situationen möglichst viel allein üben bzw. mit
Unterstützung durch einen Partner, eine andere Bezugsperson oder einen
anderen Angstpatienten.
- Vereinbaren
Sie nach der Kurzzeittherapie Auffrischungssitzungen zusammen mit
Ihnen. Halten Sie den Termin auch dann ein, wenn es dem Patienten gut
geht.
- Betonen Sie die Notwendigkeit regelmäßigen Übens für den langfristigen Erfolg.
- Verweisen
Sie auf die Möglichkeit von zwischenzeitlichen Rückschritten und die
Chance, daraus zu lernen. Was wurde bisher vielleicht übersehen?
- Akzeptieren
Sie es, wenn der Patient nach reiflicher Überlegung und mehrfachem Üben
erklärt, dass er zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt bestimmte Ängste
nicht ändern kann oder will. Der Patient ist für sein Leben selbst
verantwortlich und hat ein Recht darauf, so sein zu dürfen, wie er ist.
Vielleicht braucht er jedoch Ihre Hilfe, sich mit seinen Ängsten besser
annehmen zu lernen, ohne ständig das Ziel eines möglichst angstfreien
Lebens vor Augen zu haben. Die Einstellung "Ich darf Angst haben" bzw.
"Ich bin auch trotz meiner Ängste ein liebenswerter Mensch" kann
bereits neue Verhaltensmöglichkeiten eröffnen.
- Greifen
Sie nach der Konfrontationstherapie bei Bedarf die dem Patienten
bewusst gewordenen Themen und Problembereiche auf (z.B. Verlustängste,
Todesängste, Angst vor Eigenständigkeit, Umgang mit Gefühlen,
mangelndes Vertrauen in sich und andere, Partner- und
Familienkonflikte). Bieten Sie eine "Hintergrundsarbeit" an, drängen
Sie diese dem Patienten jedoch nicht auf.
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Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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