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Angstschwindel
Viele Angst- und Panikpatienten leiden unter heftigen Schwindelzuständen. Sie fürchten ständig, im Stehen (manchmal auch im Sitzen) umzufallen, Viele Angst- und Panikpatienten leiden unter heftigen Schwindelzuständen. Sie fürchten ständig, im Stehen (manchmal auch im Sitzen) umzufallen, einen Kreislaufkollaps zu bekommen, ohnmächtig zu werden oder gar einen Herzinfarkt zu erleiden und infolgedessen zu sterben. Sie erleben sich bei Schwindelattacken oft hilflos verlassen von den Angehörigen oder sonstigen möglichen Rettern. Wegen massiver Schwindelzustände mit Ängsten umzufallen entwickeln viele Menschen nach einer Panikattacke oft eine lebenseinengende Agoraphobie (Platzangst).

Der Angstschwindel ist ein eher diffuser Schwindel, häufig erlebt als Benommenheit, Unsicherheit auf den Beinen, mangelnde Standfestigkeit, Schweben wie auf Wolken, Gehen wie auf Watte, Glatteis oder Schaumgummi, wie wenn man den Kontakt zum Boden verloren hätte, oft verbunden mit Unruhe, manchmal auch mit Übelkeit. Haltungsveränderungen beeinflussen diese Schwindelform kaum. Bei normalem Gang fühlt man sich wie betrunken schwankend.

Menschen mit Panikattacken beschreiben verschiedenartige Schwindelzustände: Benommenheit, Leere im Kopf, schwankende Bewegung des Bodens, der Umwelt oder des eigenen Körpers, Unsicherheit beim Gehen oder Stehen, Gefühl des drohenden Sturzes oder einer bevorstehenden Ohnmacht.

Eine Begleitperson, Sitzen oder Liegen bewirkt oft eine Besserung der Schwindelsymptomatik, Kopfbewegungen können dagegen die Schwindelzustände verstärken.

Viele Agoraphobiker klagen über Schwindel, Ohnmachtsangst und Übelkeit, wurden im Laufe des Lebens jedoch kaum ohnmächtig (dies war nur bei 1% der Agoraphobiker der Fall).

Bei Menschen mit Angststörungen, die über Schwindelzustände klagen, obwohl keine neurologischen oder vestibulären Ursachen festgestellt werden können, lassen sich zwei relativ gut abgrenzbare Syndrome unterscheiden:
  • Phobischer Attacken-Schwankschwindel mit und ohne Paniksymptome.
  • Psychogene Stand- und Gangstörung. Schreckreaktionen führen zu "weichen Knien" als Folge der Dominanz des parasympathischen Nervensystems. Ohne subjektiven Schwindel im Kopf fühlen sich die Betroffenen "schwindlig auf den Füßen". Sie beschreiben ein Schwanken beim Stehen und Gehen und bewegen sich langsam und zögerlich (wie auf Eis). Ständige Angst führt zu chronischer (sympathisch bedingter) Muskelverspannung mit Gleichgewichtsstörungen.

Bei vielen Menschen mit Agoraphobie steht der phobische Attacken-Schwankschwindel mit situativ verstärkter Stand- und Gangunsicherheit ohne subjektiv erlebte Angstsymptomatik im Mittelpunkt des Erlebens. Agoraphobie und phobischer Attacken-Schwankschwindel weisen folgende Zusammenhänge auf:

"Welche zentrale Rolle die Angst beim psychogenen Schwindel einnimmt, zeigt sich nicht zuletzt an der häufigsten umschriebenen klinischen Erscheinungsform des psychogenen Schwindels, dem phobischen Attackenschwindel. Diesen erleiden Patienten in bestimmten sozialen Situationen (Kaufhäuser, Restaurants, Konzerte, Besprechungen, Empfänge) oder angesichts typischer auslösender Sinnesreize (Brücken, leere Räume, Treppen, Straßen, Autofahren). Der Schwindel entspricht von seiner Erlebnisqualität her dem Höhenschwindel und ist durch die Kombination eines Benommenheitsgefühls mit subjektiver Stand- und Gangunsicherheit sowie einer Crescendo-Vernichtungsangst charakterisiert. Im Unterschied zur Agoraphobie oder unspezifischen Panikattacken klagen die Patienten mit phobischem Attackenschwindel nicht in erster Linie über die ‘Angst’, sondern über den ‘Schwindel’, der allenfalls die schreckliche Angst ausgelöst habe. Sie fühlen sich organisch krank. Zum Schwindel führende Sinnesreize und Situationen können rasch konditioniert werden und sich generalisieren. Es bildet sich ein entsprechendes Vermeidungsverhalten aus."In der Münchner Spezialambulanz für Schwindel war unter 768 Patienten nach dem benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel (20,6%) der phobische Schwankschwindel (16,8%) als zweithäufigste Schwindelart anzutreffen.

Ein phobischer Schwankschwindel ist laut Fachleuten durch sechs Kriterien charakterisierbar:
  • Der Patient klagt über Schwankschwindel und subjektive Stand-/Gangunsicherheit bei normalem neurologischem Befund und unauffälligen Gleichgewichtstests.
  • Der Schwindel wird beschrieben als eine fluktuierende Unsicherheit von Stand und Gang mit attackenartiger Fallangst ohne Sturz, z.T. nur als einzelne unwillkürliche Körperschwankung.
  • Während oder kurz nach diesen Attacken werden (häufig erst auf Befragen) Angst und vegetative Missempfindungen angegeben, wobei die meisten Patienten auch Schwindelattacken ohne Angst berichten.
  • Die Attacken treten oft in typischen Situationen auf, die auch als externe Auslöser anderer phobischer Syndrome bekannt sind (Brücken, Autofahren, leere Räume, große Menschenansammlungen im Kaufhaus oder Restaurant). Im Verlauf entsteht eine Generalisierung mit zunehmendem Vermeidungsverhalten auslösender Reize.
  • Patienten mit phobischem Schwankschwindel zeichnen sich meist durch zwanghafte Persönlichkeitszüge und eine reaktiv depressive Symptomatik aus.
  • Der Beginn der Erkrankung lässt sich häufig auf eine initiale vestibuläre Erkrankung (z.B. Neuritis vestibularis) oder besondere Belastungssituationen zurückverfolgen."

Die illusionäre Wahrnehmungsstörung des Schwankschwindels und der Standunsicherheit der Betroffenen wird dadurch zu erklären versucht, dass viele Schwindelpatienten mit ängstlicher Selbstbeobachtung in übersensibler Weise sensomotorische Regelvorgänge registrieren, die normalerweise unbewusst ablaufen, so dass die beim freien aufrechten Stand entstehenden feinen Körperschwankungen oder unwillkürlichen Kopfbewegungen als beängstigende Beschleunigungen wahrgenommen werden.

Bei Menschen mit Schwindel zeigen sich auffällig oft Angst, Verunsicherung oder Depression. Aktuelle Konflikte oder psychosoziale Stressfaktoren (partnerschaftliche oder berufliche Konflikte, Trennungen, Verluste, existentielle Erschütterungen) bzw. krisenhafte Zuspitzungen bereits seit langem bestehender Probleme lösen dann in bestimmten Situationen recht unangenehme Schwindelattacken aus, die sich die Patienten anfangs überhaupt nicht erklären können, so dass sie wegen des gefürchteten Schwindels eine Vermeidungshaltung im Sinne einer Agoraphobie entwickeln, d.h. ihren Aktionsradius einengen. Das Hauptproblem sind jedoch nicht die vielen situativen Bedrohungsmöglichkeiten, sondern die aktuellen Lebensumstände, die den Betroffenen oft buchstäblich "den Boden unter den Füßen" weggezogen haben. Angesichts einer bestimmten Lebenssituation kann einem richtig "schwindlig" werden.

In der Stand- und Gangunsicherheit drücken sich symbolisch oft zentrale Lebensfragen aus:

Wie sehr kann man bzw. möchte man auf eigenen Füßen stehen?

Was passiert, wenn man im Leben loslässt und fällt?

Wer oder was fängt einen auf?


Verhaltenstherapeuten, die diesen Hintergrund im Rahmen einer geplanten Konfrontationstherapie bei einer Agoraphobie, die primär durch Schwindelzustände und Fallängste bedingt ist, nicht berücksichtigen, gehen oft am Kern des Problems vorbei.

Eine symptombezogene Behandlung zu Therapiebeginn ist dann sinnvoll,
- wenn eine derartige Therapie dem Wunsch der Betroffenen entspricht (Psychotherapeuten sollen ihren Patienten durchaus in deren Modell begegnen),

l- wenn durch eine Konfrontationstherapie rasch wieder ein ausreichendes Selbstvertrauen aufgebaut werden kann, das die Bewältigung der zugrundeliegenden "tieferen" Probleme ermöglicht (bei psychosozialen Konfliktsituationen wird auf diese Weise die Einengung der individuellen Bewegungsfreiheit rasch beseitigt).

Bei Depressionen äußert sich Schwindel häufig als Leere oder Nebel im Kopf, als eine Art Schleier über Wahrnehmung und Denken, als Benommenheit oder Unsicherheit beim Gehen. Bei einer somatisierten Depression kann Schwindel ein ständig beklagtes Hauptsymptom sein. Schwindel tritt auch im Rahmen einer Neurasthenie auf, d.h. bei einer "nervösen Erschöpfung".

Schwindel kann durch eine Hyperventilation im Rahmen einer angst- oder wutbedingten Erregung ausgelöst werden. Es kommt zu einer Verschiebung des Sauerstoff-Kohlendioxidverhältnisses im Blut, in weiterer Folge zu Gefäßverengungen und mangelhafter Blut- und Sauerstoffversorgung im Gehirn, was als Schwindel erlebt wird.

Bei älteren Menschen mit Erfahrungen von Stürzen oder längerer Bettruhe äußert sich Schwindel - abgesehen vom typischen Altersschwindel, der Ausdruck einer Mehrfachschädigung ist - häufig als Gangunsicherheit, bewirkt durch die erhöhte Selbstbeobachtung und die ängstliche Erwartung zu fallen, oft auch als Folge einer schlechten körperlichen Konstitution oder einer langzeitigen Tranquilizereinnahme.

Körperliche Schonung bei Angst - Ein sicherer Weg zur Angstverstärkung

Körperliche Schonung führt zu mangelnder Fitness. Alltägliche Belastungssituationen lösen dann übermäßige körperliche Reaktionen aus (Herzrasen, Atemnot, Schwitzen, Muskelkater usw.). Wenn Menschen mit ohnehin niedrigem Blutdruck in Belastungs- und Angstsituationen (z.B. bei einer Agoraphobie) einen weiteren Blutdruckabfall erleben und sich deshalb zur Schonung hinlegen, sind sie derartigen Kreislaufreaktionen zukünftig noch stärker ausgeliefert. Menschen mit Schwindelzuständen, die durch chronische Muskelverspannung bedingt sind, sollten sich ebenfalls viel mehr bewegen als sie dies gewöhnlich tun.

Wissenschafter der NASA, der amerikanischen Weltraumbehörde, haben nachgewiesen, dass bei Gesunden allein eine Bettruhe von 7 Tagen das Koordinationssystem des Gleichgewichts und damit die körperlichen Erholungsmöglichkeiten beeinträchtigt.

Vaitl und Hamm studierten den Effekt der so genannten kardiovaskulären Dekonditionierung, der in den bisherigen Erklärungskonzepten von Angststörungen noch zuwenig Beachtung gefunden hat. Die vielbeklagten Herz-Kreislauf-Beschwerden und Schwindelzustände von Angstpatienten könnten hierin ihre Ursache haben bzw. zumindest eine Verstärkung erfahren.

Dieser Effekt kann unter folgenden Umständen auftreten:
  1. nach Schwerelosigkeitsbedingungen im Weltraum,
  2. bei 6°-Kopf-Tieflage (Liegen mit dem Kopf 6° unter der Waagrechten),
  3. nach längerer Bettruhe.

Alle genannten Bedingungen führen zu einer Verschiebung der Körperflüssigkeiten in den Brustbereich und infolgedessen zu einer Zunahme des zentralen Blutvolumens.

Das Kreislaufsystem des Menschen ist hauptsächlich dem aufrechten Gang und den Bedingungen der Schwerkraft der Erde angepasst, weshalb starke Verschiebungen der Körperflüssigkeiten heftige körperliche Gegenmaßnahmen hervorrufen, die das Ziel haben, das Flüssigkeitsvolumen des Körpers wieder zu reduzieren (z.B. verstärktes Harnlassen und andere Flüssigkeitsverluste bei Bettlegrigkeit).

Diese Effekte entstehen regelmäßig nach längerem Aufenthalt in der Schwerelosigkeit im Weltraum. Sie lassen sich auf der Erde dadurch provozieren und simulieren, dass die Versuchspersonen über längere Zeit eine Körperposition einnehmen, bei der ihr Kopf 6° unter die Horizontale abgesenkt ist. Die Flüssigkeitsverteilung im Körper entspricht bei dieser Lagerung annähernd derjenigen, die unter Schwerelosigkeitsbedingungen vorherrscht.

Diese Simulationsmethode wird außerhalb der Raumfahrt dazu verwendet, um die nachteiligen Effekte verlängerter Bettruhe auf die Herz-Kreislauf-Funktion zu untersuchen. Der einzige Unterschied zwischen der Bettruhe in horizontaler Position und dem Liegen mit einer Kopfhaltung 6° unter der Horizontalen ist der, dass diese Effekte bei der abgesenkten Kopfposition rascher eintreten und damit der Untersuchungszeitraum verkürzt wird.

Kreislaufstabile Versuchspersonen zeigten bereits nach einem Tag eine erhebliche kardiovaskuläre Dekonditionierung (bestimmt mit Hilfe des Orthostoasetests und der Fahrrad-Ergometrie), wenn sie sich in dieser Zeit in einer 6°-Kopf-nach-unten-Position befanden. Innerhalb eines Tages wurde der Kreislauf gesunder Probanden derart intolerant gegenüber dem "Stress" der aufrechten Position, dass 4 von 10 Versuchspersonen während der Orthostoasetests einen Ohnmachtsanfall erlitten.

Durch die Untersuchung von Agoraphobikern im Vergleich zu anderen Personen konnte die Hypothese bestätigt werden, dass die bei Agoraphobikern zu beobachtende kardiovaskuläre Dekonditionierung darauf zurückzuführen ist, dass sich diese aufgrund übertriebenen Schonverhaltens zu lange in der horizontalen Position aufhalten.

Infolge des Schonverhaltens vermeiden Angstpatienten nicht nur körperliche Anstrengungen und Belastungen, sondern legen sich schon bei den geringsten Anzeichen von Unwohlsein oder bei noch unklaren Beschwerden hin und verbleiben möglichst lange Zeit in dieser Position. Bei längerem Stehen tritt dann vermehrt Herzrasen auf.

Beim Übergang vom Liegen in die aufrechte Position kommt es bei vielen Agoraphobiepatienten zu körperlichem Unwohlsein, das durch eine Orthostase-Labilität oder durch starke Blutdruckschwankungen bedingt sein kann. Die körperlichen Missempfindungen führen zu weiterer Schonung, indem sich die Betroffenen neuerlich in die Horizontale begeben und sich weiter schonen.

Die Befürchtung, an einer undefinierten Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems zu leiden, verstärkt die Symptomatik, sobald die Betroffenen erkennen, dass Maßnahmen wie Hinlegen und Schonen nicht die gewünschte Wirkung zeigen. Diese Befunde bestätigen eine amerikanische Untersuchung, wonach bei Panikpatienten verstärkt Tachykardien unter Orthostase-Belastung auftraten.

Aus dem Umstand, dass bei Angstpatienten nach dem Aufstehen oft Anzeichen von Kreislaufschwäche auftreten (z.B. Herzrasen und Herzklopfen, Schwindelattacken, Muskelzittern, Übelkeit und Schweißausbrüche), ergibt sich die Schlussfolgerung, schrittweise die körperliche Leistungsfähigkeit der Betroffenen zu steigern, um eine Konfrontationstherapie nicht durch mangelnde Kondition zum Scheitern zu bringen.

Viele Angstpatienten klagen nicht nur über Kreislaufprobleme, sondern auch über eine Schwäche in den Beinen, verbunden mit der Angst umzufallen. Die mangelnde Bewegung im Rahmen der ständigen Schonhaltung führt rasch zu einem Muskelschwund (Atrophie) der Beine. Schon der altgriechische Arzt Hippokrates formulierte ein Gesetz des Lebens: "Was gebraucht wird, wächst; was nicht gebraucht wird, geht zugrunde." Unbenutzte Beinmuskeln bilden sich bereits innerhalb einiger Wochen zurück, was Sportler ohne Training, Verunfallte nach einem sechswöchigen Gipsverband, ältere Menschen nach einer mehrmonatigen Liegephase und Astronauten ohne körperliches Trainingsprogramm im Weltraum bald zu spüren bekommen.

Ein geeignetes Konditionstraining stärkt die Muskulatur (insbesondere auch die Waden- und Oberschenkelmuskulatur), verbessert die Knochenfestigkeit (größere Knochendichte als Schutz vor Brüchen), vermehrt die Blutgefäße im Gehirn und fördert dadurch die geistige Fitness, senkt den Blutdruck und die Herzfrequenz, verbessert die Sauerstoffversorgung des Körpers und beseitigt das chronische Müdigkeitssyndrom vieler Angstpatienten. Ständige Müdigkeit wird nicht durch Schonung, Ausrasten und Energiesparen überwunden, sondern durch häufigeres Ermüden als Folge vermehrten Energieverbrauchs durch Sport und körperliche Betätigung.
Selbst in der Rehabilitation von Patienten nach einem Herzinfarkt gehört körperliche Aktivität so früh als möglich zum Standardtherapieprogramm. Die Erkenntnisse der Sportmedizin werden zunehmend auf die Behandlung von Herzinfarktpatienten übertragen. Strenge Bettruhe, wie sie früher verordnet wurde, schwächt den Patienten zusätzlich, besonders, wenn er älter ist. Das Konditionstraining nach einem Herzinfarkt sollte mit etwa 60-70% der maximalen Leistungsfähigkeit erfolgen.

Das beste Trainingsprogramm für die Gesamtfitness besteht aus einer Kombination von Ausdauersportarten und muskelkräftigenden Elementen. Nach dem Kriterium des Sauerstoffverbrauchs können vier Trainingsmethoden unterschieden werden:
  1. Isometrisches Muskeltraining (isometrisch = in gleicher Länge bleibend). Übungen, die für mehrere Sekunden eine Muskelanspannung bewirken, aber keine Bewegung verlangen und daher wenig oder keinen Sauerstoff verbrauchen. Meistens handelt es sich darum, zwei Gliedmaßen kräftig gegeneinander oder gegen ein Objekt zu drücken. Diese Muskelspannung bewirkt einen Druck auf die Blutgefäße, die sich dadurch entleeren. Das Blut wird in den Venen zum Herz befördert. Die isometrische Spannung aktiviert den Kreislauf und sichert die Sauerstoffversorgung. Menschen mit niedrigem Blutdruck lernen auf diese Weise, ihren Blutdruck zu steigern.

    Beispiele: kräftiges Gegeneinanderdrücken der Hände, Spreizen der Arme zwischen zwei Türpfosten, jede Druckverstärkung gegen einen Widerstand, Expanderübungen, progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Übungen zur Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur.

    Ein derartiges Krafttraining führt zum Muskelwachstum. Der stärkste Reiz für die Zunahme der Muskelkraft liegt nicht in häufigen Belastungen, sondern in kurzen, nur wenige Sekunden anhaltenden, maximalen isometrischen Kontraktionen. Durch Überschreiten der Reizhäufigkeit ist keine stärkere Muskelkräftigung zu erzielen. Je dicker der Muskel ist, um so kräftiger ist er. Bei hohem Krafteinsatz unter anaeroben (sauerstoffarmen) Bedingungen wird der Muskel in einen Spannungszustand versetzt, der das Dickenwachstum bewirken soll. Die hohe Sauerstoffschuld bringt eine hohe Übersäuerung durch Kohlendioxid, Milchsäure und saure Stoffwechselschlacken mit sich. Sie führt rasch zur Ermüdung. Es ist daher wichtig, dass nach hohem Krafteinsatz eine Erholungspause von 3-5 Minuten folgt. Es sollen jeweils kurz unterschiedliche Muskelgruppen trainiert werden (Prinzip des Circuit-Training/Zirkeltraining; circuitus = Rundgang).
  2. Isotonisches Training: (isoton = gleichbleibender Druck). Beispiel: Gymnastik.
  3. Anaerobe Trainingsübungen (anaerob = ohne Sauerstoff lebend). Kurzfristige Maximalleistungen. Beispiel: Sprint, rasches Stiegensteigen.
  4. Aerobes Training (aerob = mit Sauerstoff lebend): Sportarten, die genügend Sauerstoff erfordern, lange genug anhalten und somit zu einem Trainingseffekt führen. Sämtliche Ausdauersportarten: Wandern, Laufen, Geländelauf, Schwimmen, Radfahren, Schilanglauf, Rudern, längeres Stiegensteigen. usw. Laufen ist die billigste und beste Sportart. Der Sauerstoffbedarf des Körpers ist bereits bei langsamem Laufen relativ hoch. Dadurch werden die sauerstoffaufnehmenden, -transportierenden und -verwertenden Systeme des Körpers intensiv angeregt und entwickelt. Infolge des Einsatzes großer Muskelgruppen ist auch der Energieaufwand beim Laufen höher als bei anderen Sportarten. Beim Laufen gilt als Faustregel: man muss sich so belasten, dass das Herz mindestens um 50% schneller schlägt. Diese Belastung muss man längere Zeit durchhalten. Für ein effizientes Herz-Kreislauf-Training ist die Steigerung der Pulsfrequenz um mindestens 50% erforderlich. Man sollte immer nur so schnell laufen, dass man nicht in Atemnot gerät. Beim langsamen Laufen zu Trainingsbeginn wird den Muskeln nie mehr Energie abverlangt als der Kreislauf noch liefern kann. Sauerstoffaufnahme und -verbrauch halten sich die Waage. Aerobes Laufen verhindert einen Muskelkater.

Der Effekt der Leistungssteigerung durch Sport lässt sich durch eine Laktatuntersuchung messen. Aus dem Ohrläppchen werden ein paar Tropfen Kapillarblut gewonnen, und der Laktatspiegel (Milchsäure) wird im Labor bestimmt. Dieser Wert gibt verlässlich Auskunft über die Leistungsfähigkeit.

Sport verbessert die oft depressive Stimmung vieler Angstpatienten, weil dabei die Ausschüttung von Endorphinen, d.h. körpereigenen Opiaten, bewirkt wird (was bislang trotz häufiger Behauptungen allerdings nicht ausreichend klar erwiesen ist), steigert den oft niedrigen Blutdruck und verbessert die Gehirndurchblutung.
Bei Ängsten und Depressionen werden durch Sport Muskelspannungen abgebaut und intensivere Atemzüge bewirkt. Von Menschen mit belastenden Erlebnissen litten jene weniger häufig unter verschiedenen Krankheiten, die regelmäßig Sport betrieben.

Ein Forscherteam aus Göttingen hat in den letzten Jahren den Stellenwert von Sport in der Behandlung psychischer Erkrankungen untersucht und den aktuellen Forschungsstand zusammenfassend dargestellt. Im folgenden werden diese bedeutsamen Erkenntnisse ausführlich referiert.

Zahlreiche Studien an Gesunden haben den positiven Einfluss eines Ausdauertrainings auf Faktoren wie Ängstlichkeit, Depressivität, Selbstbewusstsein, Konzentrationsfähigkeit und Stressbewältigung nachgewiesen. Sport senkt die Eigenschaftsangst (trait anxiety) und beeinflusst in positiver Weise physiologische Faktoren, die als Ausdruck von Angst und Spannung angesehen werden. Aerobes Training hat auch günstige Auswirkungen auf die Schlafqualität (erhöhter Tiefschlafanteil, größere REM-Latenz).

Bei Sportlern mit einer Trainingspause weist das "akute Entlastungssyndrom", d.h. eine "Sport-Entzugssymptomatik", auf die Bedeutung neurobiologischer Adaptationsprozesse hin. Eine akute Sportpause führt nach 1-2 Wochen bei durchtrainierten Sportlern zu Symptomen wie Herzstichen, Schwindel, Verdauungsstörungen, Unruhezuständen, Schlafstörungen und depressiver Verstimmung. Bei Wiederaufnahme der sportlichen Betätigung verschwinden alle Symptome innerhalb kurzer Zeit. Die neurobiologischen Ursachen dieses Phänomens sind derzeit noch unbekannt, man schreibt jedoch dem serotonergen Neuronensystem eine bedeutsame Rolle zu.

Die erste größere praktische und wissenschaftliche Bedeutung im psychiatrischen Kontext erlangte die Sporttherapie Ende der 70er Jahre in den USA, wo depressive Patienten mit Erfolg an einem Ausdauertrainingsprogramm teilnahmen.

Verschiedene Studien an psychisch Kranken belegen mittlerweile eindeutig, dass Sport bei Depressionen und Angststörungen heilsam wirkt (zu anderen psychischen Störungen liegen noch zuwenig Studien vor). Die Göttinger Arbeitsgruppe legte 1997 die erste vollrandomisierte, placebokontrollierte Studie zur therapeutischen Wirksamkeit von Ausdauertraining bei Patienten mit Panikstörung und/oder Agoraphobie vor. Im Rahmen der 10 Wochen dauernden Studie wurden die Therapieeffekte bei 49 Panikpatienten untersucht, die drei verschiedenen Behandlungsbedingungen zugeordnet wurden: Ausdauertraining (3-4 mal 30-60 Minuten Laufen pro Woche), Clomipramin (112,5 mg pro Tag) und Placebo. Clomipramin und Ausdauertraining führten im Vergleich zur Placebogruppe zu einer deutlichen Besserung der Angstsymptomatik, gleichzeitig sank auch das Ausmaß der Depressivität. Die gemessene Steigerung der körperlichen Fitness bestätigt die Wirksamkeit des Ausdauertrainingsprogramms. Diese Studie weist darauf hin, dass bei Panikpatienten bereits ein Ausdauertraining ohne spezifische Begleittherapie zu einer deutlichen Besserung der Symptomatik führt.

Das Ausdauertraining beeinflusst das autonome Nervensystem und zentrale Neurotransmittersysteme. Das Göttinger Forscherteam befasst sich mit verschiedenen möglichen Wirkmechanismen. Vor allem wird die Frage geprüft, ob ein Ausdauertraining die Reaktionsbereitschaft zentraler serotonerger Neurone verändert und dies wiederum das psychische Befinden von Gesunden und Angstpatienten beeinflusst.

Nach der Endorphinhypothese führt ein Ausdauertraining akut zu einem Anstieg von Beta-Endorphinen im Plasma, Trainingswiederholungen bewirken eine potenzierte Ausschüttung von Beta-Endorphinen. Die häufige Annahme, dass der Anstieg an Endorphinen zu einer Stimmungsverbesserung führt, ließ sich bislang durch Korrelationsstudien nicht empirisch bestätigen. Psychische Zustandsverbesserungen scheinen daher beim gegenwärtigen Wissensstand nicht durch die Ausschüttung von Endorphinen aus der Adenohypophyse erklärbar zu sein, vor allem auch deshalb nicht, weil das Protein Beta-Endorphin die Blut-Hirn-Schranke nicht überschreiten kann.

Nach der Serotoninhypothese führt eine intensive motorische Aktivität zu einem erhöhten Umsatz von Serotonin. Möglicherweise kommt es dadurch nach einiger Zeit zu einer adaptiven Rezeptor-Downregulation in einer Weise, wie dies dem postulierten Wirkmechanismus von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern entspricht.

Ausdauertraining aktiviert auch das Noradrenalin- und Dopaminsystem. Bei Depressiven wurde nach einem körperlichen Training eine erhöhte Zahl von Noradrenalin- und Serotoninmetaboliten im Liquor cerebrospinalis gefunden.

Nach zahlreichen Untersuchungen weisen Angstpatienten eine reduzierte Belastbarkeit des Herz-Kreislauf-Systems und der Atmung auf:
  • Eine verminderte Leistung bei der Fahrrad-Ergometrie stand mit der Häufigkeit von Panikattacken in Zusammenhang.
    Herzneurotiker zeigten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine mangelnde ergometrische Belastbarkeit auf und lagen mit ihren Werten nur knapp oberhalb der Leistung von Patienten mit organischen Herzerkrankungen. Der Beta-Blocker Metoprolol (Beloc®, Lopresor®) bewirkte eine höhere Belastungsfähigkeit.
  • Angstpatienten zeigten im Vergleich zu Gesunden eine höhere Herzfrequenz im Stehen und bei submaximaler Belastung.
  • Bei Patienten mit Panikstörung bzw. Depression war die maximale Sauerstoffaufnahme im Vergleich zu einer Kontrollgruppe deutlich erniedrigt, obwohl die Lungenfunktion unbeeinträchtigt war.
  • Die verminderte kardiopulmonale Leistungsfähigkeit stellt nach Auffassung des Göttinger Forscherteams eine pathogenetisch wirkende Komponente innerhalb eines multifaktoriellen Modells zur Genese der Panikstörung dar. Stress in Verbindung mit Bewegungsmangel und einer entsprechenden biologischen Disposition führt zu einem erhöhten Sympathikotonus und infolgedessen zu einer vegetativen Übererregbarkeit.

Die Wahrnehmung von Kreislaufsymptomen (diffuser Schwindel, Ohnmachtsgefühl, Herzrasen) und deren Bewertung als gefährlich führt zu Herzangst, Hyperventilation und Panikattacken. In weiterer Folge kommt es zu ausgeprägtem Vermeidungsverhalten, psychosozialem Rückzug und vollständigem Verzicht auf sportliche Betätigung, auch wenn diese früher oft einen wichtigen Teil des Lebens darstellte. Der Mangel an Bewegung und körperlicher Fitness verstärkt den Teufelskreis der Angst.

Bei Ausdauertrainierten wurden im Vergleich zu anderen Personen folgende positive Effekte hinsichtlich der körperlichen Fitness festgestellt:

  • Nach einem physischen und psychischen Stresstest ergaben sich kürzere Erholungszeiten bezüglich der Herzfrequenz und der elektrodermalen Reaktion.
  • Nach Stresstests bestand eine geringere kardiovaskuläre Reaktion, während Untrainierte bei körperlicher Belastung einen stärkeren Anstieg der Herzfrequenz, d.h. eine Neigung zu Tachykardie, aufwiesen und auch in Ruhe eine höhere Herzfrequenz zeigten.
  • Nach einer sportlichen oder psychischen Belastung war ein geringerer Anstieg des Kortisolspiegels nachweisbar.
  • Die Ausschüttung von Adrenalin war vermindert.
  • Sportler weisen anders als unsportliche Personen bei Belastung keine wesentliche Erhöhung der Herz- und Atemfrequenz auf, vielmehr arbeitet das Herz durch den Auswurf einer größeren Blutmenge effektiver, und die Lunge erreicht eine bessere Sauerstoffausbeutung der Einatemluft.
  • Bei Trainierten ist ein geringerer Laktatanstieg feststellbar als bei Untrainierten.

Ein Teil der Angstpatienten weist eine erhöhte Laktatsensitivität auf, wie bei experimentellen Panikstudien festgestellt wurde. Bei Laktatinfusionen wird oft geklagt über Parästhesien (Körpermissempfindungen), Zittern, Schwindel, starkes Herzklopfen, Kälte, Nervosität und Atemnot. Dieser Umstand könnte auch für das Vermeidungsverhalten verschiedener Panikpatienten gegenüber sportlicher Betätigung bedeutsam sein.

Ein Ausdauertraining reduziert bei Angstpatienten die vegetative Erregbarkeit, führt zu einer gesunden Abhärtung des Körpers, stellt eine aktive Bewältigungsstrategie angesichts von unvermeidlichen Härten des Lebens dar und verbessert das allgemeine körperliche Befinden und Selbstbewusstsein.

Körperliche Betätigung führt zu einer sofortigen Unterbrechung des ängstlichen und/oder depressiven Grübelns, weil durch die Konzentration auf die Umwelt, in der die Ausdauersportart ausgeführt wird, eine sofortige Aufmerksamkeitsumlenkung erfolgt, z.B. Konzentration auf die Natur beim Laufen oder Radfahren, Kontakt mit anderen Menschen im Schwimmbad oder während des Schiurlaubs.

Ein Ausdauertraining stellt für viele Agoraphobiepatienten mit und ohne Panikstörung bereits eine Art Konfrontationstherapie dar, so dass sportliche Betätigung in ein verhaltenstherapeutisch orientiertes Angstbehandlungsprogramm leicht und gut integrierbar ist. Gleichzeitig führt vermehrte körperliche Aktivität zu der oft gewünschten körperlichen Entspannung, ohne dass zu diesem Zweck Medikamente (vor allem zum Schlafen) eingenommen werden müssen, wie dies ansonsten häufig der Fall ist.

Die alleinige Anwendung eines Ausdauertrainings ohne weitere Behandlungskomponenten kann nach neuesten Befunden bei bestimmten Panikpatienten mit und ohne Agoraphobie bereits eine ausreichende Besserung bewirken.
Die Erfahrungen des Göttinger Forscherteams zeigen jedoch auch, dass Angstpatienten eine entsprechende Information, Motivation und Handlungsanleitung benötigen, um in dieser Weise aktiv zu werden. Die gutgemeinten Ratschläge, sich etwas mehr zu bewegen und in die frische Luft zu gehen, weil dies gesund sei, bleiben in der Regel so lange wirkungslos, als sie nicht in ein konkretes Erklärungsmodell zur Wirksamkeit bei Angststörungen eingebettet werden.


Autor: Dr.Hans Morschitzky
 
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