Agoraphobie (vom Griechischen "agora" = Marktplatz und
"phobos" = Angst) heißt auf Deutsch "Platzangst". Der Begriff
"Agoraphobie" wurde 1871 erstmals
| Wir müssen immerfort Deiche des Mutes bauen gegen die Flut der Furcht.
(Martin Luther King) |
Historische Aspekte der Agoraphobie
Agoraphobie (vom Griechischen "agora" = Marktplatz und "phobos" =
Angst) heißt auf Deutsch "Platzangst". Der Begriff "Agoraphobie" wurde
1871 erstmals von dem deutschen Psychiater Westphal verwendet und
verstanden als "Unmöglichkeit, durch bestimmte Straßen oder über
bestimmte Plätze zu gehen oder die Gewissheit, dies nur unter Angst tun
zu können".
Schon Westphal betonte folgende Aspekte der Agoraphobie:
- Die
"Angst vor der Angst", d.h. die Erwartungsangst, stellt das zentrale
Merkmal der Agoraphobie dar. Von einem der drei geschilderten Patienten
heißt es: "Was ihm Angst mache, davon hat er selbst keine Vorstellung,
es ist gleichsam die Angst vor der Angst."
- Bei
agoraphobischen Zuständen handelt es sich oft um plötzlich auftretende
Angstzustände mit Herzklopfen, Schwindel, Ohnmachtsgefühlen,
Todesangst, "Furcht vor dem Irrewerden" und der Angst, die Kontrolle zu
verlieren. Es wird somit bereits die Agoraphobie mit Panikstörung
beschrieben ("Die Angst ist da, von selbst, ein plötzlich auftretendes
Etwas").
- Die Angstgefühle verschwinden in Begleitung einer bekannten Person.
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Westphal liefert die erste Falldarstellung einer Agoraphobie:
"Der
Patient beklagt sich, dass es ihm unmöglich sei, über freie Plätze zu
gehen. Es überfällt ihn bei dem Versuch dazu sofort ein Angstgefühl,
dessen Sitz er auf Befragen mehr im Kopfe als in der Herzgegend angibt,
indes ist auch oft Herzklopfen dabei. In Berlin ist ihm der
Döhnhofsplatz mit am unangenehmsten; versucht er, denselben zu
überschreiten, so hat er das Gefühl, als ob die Entfernung sehr groß,
meilenweit sei, er nie hinüber kommen könne, und damit verbindet sich
das erwähnte, oft von allgemeinem Zittern begleitete Angstgefühl...
Dasselbe Angstgefühl überfällt ihn, wenn er genötigt ist, an Mauern und
langgestreckten Gebäuden entlang oder durch Straßen zu gehen, wenn die
Verkaufsläden - wie an Sonn- und Feiertagen oder in später Abend- und
Nachtstunde - geschlossen sind. In später Abendstunde - er ißt
gewöhnlich abends in Restaurationen - hilft er sich in Berlin in
eigentümlicher Weise; entweder wartet er, bis er eine andere Person die
Richtung nach seiner Wohnung einschlagen sieht und folgt dicht hinter
derselben, oder er macht sich an eine Dame der ‚Halbwelt’, läßt sich in
ein Gespräch mit ihr ein und nimmt sie so eine Strecke mit, bis er eine
andere ähnliche Gelegenheit findet und so allmählich seine Wohnung
erreicht."
Die Agoraphobie wurde unter der Bezeichnung "Platzangst" 1887 von
Kraepelin, dem damals bedeutendsten deutschen Psychiater, in die psychiatrische Krankheitslehre eingeführt.
Bereits Freud wies auf die Agoraphobie-Entstehung als Folge von Panikattacken hin:
"In Wirklichkeit ist das, was der Kranke befürchtet, das Ereignis eines
solchen Anfalls unter solchen speziellen Bedingungen, dass er glaubt,
ihm nicht entkommen zu können."
Symptomatik der Agoraphobie
Als Agoraphobie bezeichnet man nicht nur alle Ängste vor offenen
Plätzen, sondern auch alle Ängste vor öffentlichen Orten, Situationen
und Menschenansammlungen, wo beim plötzlichen Auftreten einer
unerwarteten oder durch die Situation ausgelösten Panikattacke oder
ähnlichen, milderen Symptomen (Schwindel, Ohnmachtsangst, Herzrasen,
Schwitzen, Verlust der Blasen-/Darmkontrolle usw.) eine Flucht
schwierig oder peinlich wäre oder aber keine Hilfe verfügbar wäre.
Besonders angstmachend ist die Vorstellung, die Kontrolle über sich und
die Körperreaktionen zu verlieren, in der Öffentlichkeit umzufallen und
hilflos liegen zu bleiben oder der Reaktion der Umwelt ausgeliefert zu
sein bzw. "durchzudrehen und verrückt zu werden".
Phobische Situationen werden konsequent gemieden, wenn kein Fluchtweg
in Aussicht ist, oder können nur unter großer Angst und Belastung
durchgestanden werden. Manche Agoraphobiker erleben aktuell wenig
Angst, weil es ihnen gelingt, den gefürchteten Situationen
auszuweichen. Als Folge der Angst bestehen entweder Einschränkungen der
Bewegungsfreiheit, vor allem beim Reisen, die Notwendigkeit einer
Begleitperson außerhalb der Wohnung, oder die phobischen Situationen
können nur unter intensiver Angst durchgestanden werden.
Das ausgeprägte Vermeidungsverhalten führt oft zu einem totalen Rückzug
in die eigene Wohnung und damit zur sozialen Isolierung. Doch auch zu
Hause kann das Gefühl der Sicherheit verloren gehen durch die Angst vor
dem Alleinsein, wo die beschützende Wirkung vertrauter Personen fehlt.
Nach dem internationalen Diagnoseschema (ICD-10) ist eine
Agoraphobieeine deutliche und anhaltende Furcht vor oder Vermeidung von
mindestens zwei von vier Symptomen:
1. Menschenmengen,
2. öffentliche Plätze,
3. allein Reisen,
4. Reisen mit weiter Entfernung von Zuhause.
Dabei treten mindestens zwei der 14 für eine Panikattacke relevanten
Angstsymptome auf (siehe Definition der Panikattacke im Kapitel
"Panikattacken-Panikstörung").
Das Fehlen eines nutzbaren Fluchtweges ist ein Schlüsselsymptom.
Das amerikanische psychiatrische Diagnoseschema DSM-IV erstellt
folgende diagnostische Kriterien für eine Agoraphobie:A. Angst, an
Orten zu sein, von denen eine Flucht schwierig (oder peinlich) sein
könnte oder wo im Falle einer unerwarteten oder durch die Situation
begünstigten Panikattacke oder panikartiger Symptome Hilfe nicht
erreichbar sein könnte. Agoraphobische Ängste beziehen sich
typischerweise auf charakteristische Muster von Situationen: z.B.
alleine außer Haus zu sein, in einer Menschenmenge zu sein, in einer
Schlange zu stehen, auf einer Brücke zu sein, Reisen im Bus, Zug oder
Auto...
B. Die Situationen werden vermieden (z.B. das Reisen wird
eingeschränkt), oder sie werden nur mit deutlichem Unbehagen oder mit
Angst vor dem Auftreten einer Panikattacke oder panikähnlicher Symptome
durchgestanden bzw. können nur in Begleitung aufgesucht werden.
C. Die Angst oder das phobische Vermeidungsverhalten werden nicht durch
eine andere psychische Störung besser erklärt, wie Soziale Phobie (z.B.
die Vermeidung ist aus Angst vor Peinlichkeit auf soziale Situationen
beschränkt), Spezifische Phobie (z.B. die Vermeidung ist beschränkt auf
einzelne Situationen, wie z.B. Fahrstuhl), Zwangsstörung (z.B.
Vermeidung von Schmutz aus zwanghafter Angst vor Kontamination),
Posttraumatische Belastungsstörung (z.B. Vermeidung von Reizen, die mit
einer schweren belastenden Situation assoziiert sind), oder Störung mit
Trennungsangst (z.B. es wird vermieden, das Zuhause oder die
Angehörigen zu verlassen).Im Gegensatz zum ICD-10 ist im DSM-IV eine
Agoraphobie allein keine codierbare Störung. Es muss stets Bezug
genommen werden zum Fehlen oder Vorhandensein von Panikattacken. Es
handelt sich entweder um eine Agoraphobie ohne Panikstörung in der
Vorgeschichte oder um eine Panikstörung mit Agoraphobie.
Das DSM-IV nennt folgende Kriterien für eine Agoraphobie ohne Panikstörung in der Vorgeschichte:
A. Es liegt eine Agoraphobie ... vor, die sich auf die Angst vor dem
Auftreten panikähnlicher Symptome bezieht (z.B. Benommenheit oder
Durchfall).
B. Die Kriterien für eine Panikstörung ... waren nie
erfüllt...Agoraphobie bezeichnet eine Gruppe von Ängsten ("multiple
Situationsphobien"), die dann auftreten, wenn man die gewohnte oder
schützende Umgebung verlässt (eigene Wohnung, bekannte und sichere
Gegend, Zusammensein mit Personen des besonderen Vertrauens).
Die frühere Gegenüberstellung von Agoraphobie (Angst vor offenen
Plätzen) und Klaustrophobie (Angst vor geschlossenen Räumen) ist als
überholt anzusehen.
Gemieden oder nur mit Unbehagen ertragen werden folgende Situationen,
vor allem wenn diese ohne beschützende Begleitperson aufgesucht werden
müssen:
- Aufenthalt
im Freien unter vielen Menschen oder bei fehlender Fluchtmöglichkeit:
öffentliche Plätze überqueren, unbekannte Stadtteile aufsuchen, in
überfüllten Fußgängerzonen bummeln, Gartenfeste, Volksfeste oder Messen
besuchen, in einem Verkehrsstau stecken, mit dem Fahrrad in freier
Landschaft fahren, mit dem Auto bei Nebel (d.h. ohne Sicht) fahren,
durch einen längeren Tunnel fahren, mit dem Boot einen tiefen See
überqueren, durch einen Badesee schwimmen, über eine Brücke gehen,
einen Berg besteigen, durch einen Wald gehen.
- Außerhäusliche
Aktivitäten jeder Art, insbesondere berufliche oder private Reisen über
die Stadt-, Bezirks-, Landes- oder Staatsgrenzen hinaus, Reisen in
unbekannte Gegenden, und zwar je weiter die Entfernung von zu Hause ist.
- Benutzung
öffentlicher Verkehrsmitten (Züge, Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen,
Flugzeuge, Schiffe, Sessellifte, Aufzüge, Rolltreppen) oder des eigenen
Autos, besonders über längere Strecken.
- Aufenthalt
in öffentlichen bzw. halb öffentlichen Räumen, besonders wenn diese
überfüllt sind: Geschäfte, Kirchen, Kinos, Museen, Theater,
Konzertsaal, Banken, Behörden, Krankenhäuser, Wartezimmer bei Ärzten,
Gaststätten, Cafés, Diskotheken, Kantine, Mensa, öffentliche Toiletten,
Friedhöfe, Friseursalons, Umkleideräume in Kleidergeschäften, Schlange
stehen in Geschäften und bei Behörden, Sauna, Hallen- oder
Freiluftbäder, Arbeit in großen Büros, Hörsäle auf der Universität,
Besuch von Elternsprechtagen in der Schule, Teilnahme bei
Betriebsversammlungen, Sportveranstaltungen oder großen Feiern.
- Aufenthalt
in engen, hohen, geschlossenen oder dunklen Räumen: Lifte, Räume ohne
Fenster, geschlossene Toiletten oder Badezimmer, Diskotheken, Turnsäle,
Kellerräume, Höhlen, unterirdische Gänge, Tunnelgänge, Bogengänge
(Arkaden), Durchgänge und Passagen, Hochhausräume, Kirchtürme,
Fernsehtürme, Treibhäuser, Ringelspielgeräte, dunkle Schlafzimmer,
Einmannzelt, Aufenthalt allein mitten in einem großen Raum.
- Vereinbarung und Einhaltung von Treffen mit anderen Leuten unter "unsicheren" Bedingungen.
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Viele Agoraphobiker können zahlreiche der genannten Situationen
aufsuchen, wenn sie dies plötzlich und vorher nicht lange geplant tun
müssen. Wenn die betreffenden Aktivitäten jedoch bereits seit Tagen
feststehen, werden die Erwartungsängste oft derart groß, dass eine
Bewältigung unmöglich wird. Dennoch zwingt die Angst vor der Angst
viele Betroffene dazu, zahlreiche Aktivitäten (Ausflug, Theaterbesuch
usw.) schon lange im voraus detailliert zu planen. Gefahrvolle
Vorstellungen, Grübeleien und Nervosität (Aufgeregtheit und körperliche
Angespanntheit) bestimmen die Zeit bis zum geplanten Ereignis. Die
Erwartungsangst ist meistens viel schwerer zu bewältigen als das
tatsächliche Ereignis, das dann durchaus als angenehm erlebt werden
kann. Diese Erfahrung verhindert jedoch nicht, dass die Betroffenen vor
der nächsten ähnlichen Situation wiederum beunruhigt und besorgt sind.
Wichtigste Auslöser für agoraphobische Ängste sind die Entfernung von
"sicheren" Orten und das Fehlen eines Fluchtwegs. Es besteht ein
subjektives Gefühl der Einengung der Bewegungsfreiheit ("in der Falle
sitzen") sowie eine starke Angst, anderen Menschen ausgeliefert zu
sein. Dies erklärt folgende Verhaltensweisen:
- Verkehrsmittel,
Lokale, Kinos und verschiedene Säle können betreten werden, jedoch nur
dann, wenn der Aufenthalt in der Nähe der Tür möglich ist, um jederzeit
fliehen zu können.
- Fahrten mit dem Regionalzug können durchgeführt werden, nicht jedoch mit dem Schnellzug, der nur selten stehen bleibt.
- Fahrten in Zügen mit Abteils sind möglich, nicht jedoch in Großraumwaggons unter vielen Leuten.
Öffentliche Verkehrsmittel können nicht benutzt werden, sehr wohl
jedoch das eigene Auto, das Schutz und Freiheit gewährt.
- Beim Autofahren ist das Sitzen vorne problemlos möglich, nicht jedoch hinten, wenn es sich um ein zweitüriges Auto handelt.
- Selbst
mit dem Auto zu fahren, ist leicht möglich, als Beifahrer mitzufahren,
dagegen nur erschwert möglich (wegen des Gefühls, dem anderen
ausgeliefert zu sein, bzw. wegen der ständigen Gedanken an mögliche
Gefahren statt der Beobachtung des aktuellen Verkehrsgeschehens, wie
dies bei Fahrten als Lenker der Fall ist).
- Autofahren
ist grundsätzlich möglich, nicht jedoch in folgenden Situationen: auf
der Autobahn, wo Stehen bleiben, Umdrehen und rasches Abfahren
ausgeschlossen ist; durch einen Tunnel, der bei Gefahr kein Entkommen
erlaubt; in einer Autokolonne, wo die hilflose Eingeengtheit gefürchtet
wird (insbesondere bei einem Stau).
- Weite
Reisen können trotz Beschwerlichkeit mit dem Auto oder mit der Bahn
durchgeführt werden, nicht jedoch mit dem Flugzeug, das keinen Ausstieg
erlaubt.
- Die Reise in die Ferne ist aufgrund von Erwartungsängsten belastender als die Rückkehr in die Sicherheit gebende Heimat.
- Man
kann wohl Räume und Geschäfte betreten, nicht jedoch beim Friseur oder
beim Zahnarzt Platz nehmen, weil Flucht nicht jederzeit möglich ist.
- Man
kann wohl in Geschäfte einkaufen gehen, jedoch nur dann, wenn wenig
Leute drinnen sind und keine Schlange bei der Kasse zu erwarten ist.
- Man
kann wohl in ein Selbstbedienungsrestaurant gehen, wo das Essen sofort
eingenommen werden kann, nicht jedoch in ein exklusives Restaurant, wo
man vielleicht lange auf das bestellte Essen warten muss.
- Man kann wohl ein Restaurant zu ebener Erde besuchen, nicht jedoch unter der Erde oder in einem höheren Stockwerk.
- Man
kann wohl in einem Wohnblock unter vielen Menschen wohnen, jedoch nur
im Erdgeschoss, weil man bei Gefahr keinen Lift benötigt und rasch das
Haus verlassen kann.
- Man
fürchtet einerseits den Aufenthalt unter fremden Menschen, spricht
jedoch andererseits bei beginnender Panik dieselben Menschen an, um
sich entweder abzulenken, sich nicht allein zu fühlen oder sich deren
Hilfe für den Notfall zu sichern.
- Man
kann zu Hause nur mit der Badehose baden oder duschen, damit man im
Falle einer Panikattacke nicht nackt aus dem Bad oder aus der Wohnung
laufen muss.
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Agoraphobien können mit oder ohne Panikstörung auftreten. Eine
Panikattacke in einer eindeutig phobischen Situation macht noch keine
Panikstörung aus, sondern zeigt den Schweregrad einer Phobie an. Im
klinischen Bereich weisen die meisten Agoraphobiker auch Panikattacken
auf, während diese Kombination in großen Untersuchungen der
Durchschnittsbevölkerung nur bei etwa der Hälfte der Agoraphobiker
gegeben war (ein Teil davon hat jedoch laut Nachuntersuchungen eher
eine spezifische Phobie als eine Agoraphobie). Rückfälle bei
Agoraphobie hängen häufig mit dem Auftreten von einer oder mehreren
erneuten Panikattacken zusammen.
Belastend ist auch der Umstand, dass die agoraphobische Symptomatik oft
schwankend ist, ohne dass die Betroffenen einen roten Faden erkennen
können. Einmal sind dieselben Situationen leichter, einmal schwerer zu
bewältigen, je nachdem, ob es sich um einen "guten" oder "schlechten"
Tag handelt. Diese Schwankungen sind eine Quelle der Unsicherheit,
Unvorhersagbarkeit und Hilflosigkeit vieler agoraphobischer Patienten.
Die Diagnose einer phobischen Störung kann selbst Fachleuten dann
schwer fallen, wenn z.B. Agoraphobiker primär von Alkohol- oder
Medikamentenmissbrauch oder von depressiven Symptomen berichten
(besonders nach langer primär phobischer Symptomatik), weil sie wenig
Angst erleben infolge der Vermeidung der phobischen Situationen und der
Überlagerung durch die genannten Symptome. Das Erleben verstärkter
Ängste im Rahmen einer Konfrontationstherapie ist in diesem Sinn
positiv zu bewerten.
Mit vielen Tricks durch den Alltag
Agoraphobiker wenden eine Fülle von Tricks an, die der Umwelt gar nicht
auffallen, um das Leben bewältigen zu können. Auf diese Weise können
Agoraphobiker ihre Beeinträchtigung oft jahrelang verbergen.
Heiße oder schwüle Witterungsbedingungen sind für viele agoraphobische
Patienten belastender als für andere Menschen. Mit der Begründung
körperlicher Beschwerden (z.B. Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme,
Übelkeit) wird daher zu diesen Zeiten das Haus oft gar nicht verlassen.
Die erste Panikattacke tritt viel eher im Sommer als im Winter auf, wie
eine Untersuchung in Australien ergab (bei 57% im Sommer, nur bei 11%
im Winter). Nach einer englischen Studie verschlechterte sich bei 35%
der Patienten die Agoraphobie, wenn es draußen heiß war. Viele
Agoraphobiker vermeiden daher überhitzte Räume und Einkaufszentren und
bevorzugen lieber kühlere Temperaturen. Helles Sonnenlicht, Neonlicht
und flackernde Leuchtreklamen stellen oft belastende Reizsituationen
dar, weshalb manche Angstpatienten gerne Sonnenbrillen oder dunkle
Gläser tragen.
Als Folge der Atemnot bei einer Panikattacke bzw. einer erhöhten
CO2-Sensibilität achten viele Patienten darauf, zur Sicherung der
Zufuhr frischer Luft stets das Fenster im Büro sowie im Wohn- und
Schlafzimmer geöffnet zu haben. Verschiedene Agoraphobiker schlafen
selbst im Winter bei offenem Fenster in einem eiskalten Zimmer. Das
Verlassen eines Raumes bei agoraphobischer Angst dient oft nur dem
"Luftschnappen", obwohl es vielleicht mit dem Besuch der Toilette oder
mit dem Rauchen auf dem Gang begründet wird. Es kann auch sein, dass
der Bedarf an Frischluft offen zugegeben wird, jedoch mit einer
asthmatischen Reaktionsbereitschaft begründet wird. Aus Angst vor
zuwenig frischer Luft bzw. aus Angst vor geschlossenen Fenstern und
Türen kann oft auch kein vollbesetzter Kino-, Konzert- oder
Gasthaussaal betreten werden.
Agoraphobische Frauen können sehr gastfreundlich wirken, während sie
nur deshalb immer wieder Leute einladen, weil sie nicht allein sein
können. Wenn der Partner aus beruflichen Gründen einen
Auslandsaufenthalt antreten muss, werden z.B. Kinder aus der
Verwandtschaft zum Übernachten eingeladen, ohne dass die Betroffenen
etwas von ihrer Beschützerfunktion erkennen. Eine agoraphobische Mutter
kann ihr Kind unter verschiedenen Vorwänden sogar von der Schulpflicht
abhalten, um der Einsamkeit zu entkommen, oder könnte ihr Kind wohl in
die Schule bringen, danach aber nicht mehr alleine nach Hause fahren,
so dass jemand anderer diese Aufgabe übernehmen muss.
Bestimmte Sicherheitssignale reduzieren die Angst, ihr Fehlen kann
bereits Angst auslösen. Sicherheit gibt die Anwesenheit anderer
Personen: der Partner oder ein Elternteil an der Seite, das Kind an der
Hand, Bekannte in erreichbarer Nähe. Selbst der Hund an der Leine
vermittelt schon das Gefühl, im Ernstfall nicht ganz alleine zu sein.
Angstabbauend wirkt auch die Mitnahme eines Beruhigungsmittels, eines
Handys oder eines Wasserfläschchens (Trinken beseitigt Mundtrockenheit,
Übelkeit oder ein Engegefühl in der Kehle), etwas zum Festhalten
(Spazierstock, Regenschirm, Kinderwagen, Fahrrad), die räumliche Nähe
eines Krankenhauses oder einer Arztpraxis, die Telefonnummer des
nächsten diensthabenden Arztes am Wochenende oder das Wissen um die
ständige Erreichbarkeit bestimmter Angehöriger zumindest über das
Telefon. Das Wissen, dass der Hausarzt auf Urlaub gehen wird, kann so
beunruhigend wirken, dass umfangreiche Vorsorgemaßnahmen getroffen
werden müssen.
Die häufige Angst, beim Gehen umzufallen, wird schon reduziert durch
die Nähe einer Hausmauer, die bei Bedarf einen Halt gewährt. Dies ist
der Grund, warum enge Gassen oft eher gemocht werden als weite Straßen
und offene Plätze. Menschen mit Agoraphobie fühlen sich oft schwindlig
und unsicher auf den Beinen, der Boden scheint zu wanken und nicht
ausreichend stabil zu sein. Man hat den Eindruck, auf Wolle zu gehen
oder zu schweben, ohne sichere Bodenhaftung. Viele Betroffene haben die
Befürchtung, nach dem Umfallen hilflos auf dem Boden liegen bleiben zu
müssen, nicht selbst aufstehen zu können und auf die Hilfe anderer
angewiesen zu sein, die im Bedarfsfall vielleicht nicht einmal erfolgt.
Besonders demütigend und erniedrigend wirkt die Vorstellung, den
Blicken einer gaffenden Menge ausgesetzt zu sein, während man
regungslos auf dem Boden liegt.
Agoraphobiker befinden sich häufig in einem Dilemma: einerseits leben
sie in starker Abhängigkeit von anderen, andererseits fürchten sie
nichts so sehr wie gerade dies.
Beruhigungsmittel (Tranquilizer) werden oft wie ein magischer Talisman
mitgeführt, obwohl man aus Angst vor Abhängigkeit derartige Medikamente
überhaupt nicht einnehmen möchte. Dabei reichen häufig nicht 1-3
Tabletten, sondern es muss gleich die halbe Packung in einer Tasche
griffbereit sein, vielleicht auch noch ein anderes Medikament. Bei
Einnahme von Tranquilizern wirken diese nach Meinung der Betroffenen
oft sofort, obwohl die volle Wirksamkeit erst nach 30-60 Minuten
erreicht wird.
Die Medikamentenwirkung beruht häufig auf einem Placeboeffekt, so dass
es für viele Agoraphobiker eigentlich egal ist, was sie einnehmen.
Hauptsache ist, dass bei Bedarf etwas geschluckt werden kann, und wenn
es sich dabei nur um Kreislauftropfen, Baldrianpillen oder ein
stärkendes Getränk handelt.
In Zeiten des Misstrauens gegen Psychopharmaka erfüllen sog.
"natürliche" Mittel oft denselben Effekt. Beliebt sind auch
Kaugummi-Kauen und Bonbon-Lutschen, um einen trockenen Mund und damit
Schluckbeschwerden zu verhindern. Vertrauen in unsicheren Situationen
schaffen jedenfalls nur fremde Mittel und nicht die eigenen Bemühungen.
Die Entdeckung, die hilfreichen Tabletten vergessen zu haben, kann
bereits Panik auslösen, obwohl vorher kein Grund dazu bestand. Auch
Jahre nach der Überwindung der lebenseinengenden Agoraphobie gehen
viele Betroffene sicherheitshalber nur mit Tabletten in der Hand- oder
Aktentasche von zu Hause fort.
Eine 19jährige Patientin mit Panikstörung und Agoraphobie ließ sich von
ihrem Freund zur ersten Therapiestunde bei mir begleiten, ohne dass er
selbst an der Therapie teilnehmen sollte - eine vielen
Psychotherapeuten recht bekannte Situation. Die Patientin erklärte, sie
leide schon seit 4 Jahren unter Panikattacken. Diese hätten begonnen,
als sie mit 15 Jahren in eine familieneigene Garçonniere gezogen sei,
weil sie die ständigen Streitereien der Eltern satt gehabt habe. Es
wurde deutlich, dass sie, die recht Vater-bezogen gelebt hatte, das
Alleinsein nicht ertragen konnte. Eine frühere Familientherapie sowie
das Erlernen des autogenen Trainings hatten nicht den gewünschten
Erfolg gebracht. Eigentlich konnte sie sich nicht vorstellen, wie eine
im Vergleich zu einer Psychoanalyse von ihr als recht oberflächlich
beurteilte Verhaltenstherapie ihre mehrjährige Störung wirksam
beseitigen könnte. Ich schätzte die Patientin in der ersten Stunde so
ein, dass sie zu keiner längeren Therapie kommen würde, und unternahm
daher ein etwas gewagtes Experiment. Ich erzählte ihr, dass ich ein
Geheimnis von ihr wüsste, das nicht einmal ihrem Freund bekannt sei.
Die Patientin war sehr verwundert und wollte es wissen. Ich gab ihr zu
verstehen, dass ich es ihr erst in der zweiten Therapiestunde mitteilen
könnte, wenn sie dazu allein, ohne Freund, komme. Die Patientin wies
darauf hin, dass sie nicht allein mit Straßenbahn und Bus unterwegs
sein könne und daher in diesem Fall nicht zur Therapiestunde erscheinen
könnte. Ich bestand auf meinem Vorgehen, die Patientin war derart
neugierig, dass sie zur nächsten Stunde tatsächlich allein kam. Sie war
darüber selbst sehr verwundert und meinte, dass es wohl das Geheimnis
sei, man müsse sich nur anstrengen, dann könne man auch die größten
Ängste überwinden. Ich bestärkte sie in dieser Erkenntnis, gab ihr
allerdings zu verstehen, dass dies nicht das gemeinte Geheimnis sei.
Ich fragte sie, ob sie bereit sei, ihre Handtasche auf der Stelle
umzudrehen und zu öffnen, so dass alles herausfalle, was drinnen sei.
Die Patientin wollte dies anfangs nicht tun, war dann aber doch dazu
bereit. Auf dem Tisch lagen neben den üblichen Utensilien
Tablettenpackungen mit insgesamt 136 Stück von 8 verschiedenen Sorten
(mehrheitlich Tranquilizer). Das war das Geheimnis: so viele Tabletten
benötigte sie, um ohne Freund zu mir zu kommen, d.h. in bestimmten
Situationen ist der Freund durch Medikamente ersetzbar. Ich bat sie,
bis zum nächsten Mal nur so viele Medikamente nach Hause mitzunehmen,
wie sie benötigte. Sie nahm 40 Stück von 4 verschiedenen Sorten mit.
Und dies, obwohl sie aus Angst vor Abhängigkeit keine Beruhigungsmittel
einnahm.
Auslösefaktoren einer Agoraphobie
Auslöser von Agoraphobien sind in der Regel länger dauernde belastende
oder traumatische Stresszustände, die oft zur ersten Panikattacke
führen, in deren Folge häufig eine Agoraphobie auftritt. Agoraphobiker
unterscheiden sich von anderen Personen weniger durch die Art der
ersten Reaktion auf eine real belastende Lebenssituation als vielmehr
durch den Umstand, dass diese Reaktion beibehalten bzw.
situationsunangemessen generalisiert wird.
Bei näherer Betrachtung ist
zumindest für einen Psychotherapeuten oft bald erkennbar, dass das
Schicksal einer Panikattacke mit einer daraus resultierenden
Agoraphobie trotz der Belastung einem sinnvollen Zweck dienen kann,
nämlich einem ersten, wenngleich auf Dauer ungenügenden Lösungsversuch
einer vorhandenen Konfliktsituation.
Einige Beispiele sollen die
Entwicklung einer Agoraphobie verdeutlichen, die meistens mit einer
Panikattacke oder panikähnlichen Erfahrung beginnt und im Laufe der
Zeit durch die Erwartungsängste zu einer immer größeren Einschränkung
des Bewegungsspielraums führt.
Ein Mann ist durch einen relativ harmlosen Autounfall während eines
Außendienstes schwer geschockt. Innerhalb von zwei Wochen entwickelt er
eine typisch agoraphobische Vermeidungshaltung. Er kann über Monate
kein Auto oder öffentliches Verkehrsmittel benutzen und damit auch
seinen Beruf nicht ausüben. Im Freizeitbereich kann er seine Funktion
als Fußballtrainer nicht mehr wahrnehmen, weil er weder zum Training
noch zu den Spielen in verschiedene Städte fahren kann. Seinen
Bekannten erzählt er nichts von seinen Ängsten, sondern gibt als Grund
für sein Verhalten Kopf- und Rückenschmerzen infolge des Unfalls an.
Rückblickend gesehen war er schon seit langem durch seine zahlreichen
Aktivitäten überfordert.
Ein höherer Angestellter, der früher jahrelang Alkoholmissbrauch
betrieben und in diesem Zusammenhang auch die Gattin durch Scheidung
verloren hatte, bekommt nach anfänglich gutem Verlauf seiner neuen
Partnerschaft die Angst, seine Freundin könnte ihn verlassen, weil er
beruflich ständig im Ausland unterwegs ist. Bei einem Flug nach Asien
erlebt er eine Panikattacke, so dass er nach der Landung sofort nach
Hause zurückkehrt, um sich stationär durchuntersuchen zu lassen.
Aufgrund seiner Erwartungsängste vor einer weiteren Panikattacke kann
er keine Auslandstätigkeiten mehr übernehmen, was der Freundin anfangs
durchaus recht ist. Als er aus gleichem Grund auch keine Urlaubsreisen
mehr antreten kann und ein bereits gebuchter Flug deshalb kostspielig
storniert werden muss, gerät die Partnerschaft neuerlich in die Krise,
weil er zuwenig mit seiner Partnerin unternehmen kann. Innerhalb eines
Monats entwickelt er eine ausgeprägte Agoraphobie, so dass er im
Gegensatz zu früher vieles nicht mehr allein unternehmen kann. Er ist
nur beruhigt, wenn er seine Freundin in der Nähe weiß. Die
Trennungsgefahr ist vorläufig gebannt, weil ihn die Partnerin als krank
akzeptiert.
Ein Jugendlicher im Alter von 17 Jahren lebt in ständigem Streit mit
den Eltern, weil er nach mehreren selbstverschuldeten
Arbeitsplatzverlusten noch immer keiner geregelten Arbeit nachgeht und
auch im Haushalt nicht mithilft. Nach einer heftigen Auseinandersetzung
muss er schließlich ausziehen und in einem Untermietzimmer wohnen, das
vorläufig seine Eltern bezahlen. Er geht dann abends oft fort und nimmt
an Rave-Partys teil, wo er mehrfach die aufputschende Droge Ecstasy
einnimmt. Nach dem dritten Gebrauch bekommt er auf dem Heimweg
plötzlich eine Panikattacke, so dass er nicht mehr alleine in seinem
Zimmer leben kann und auch nicht mehr fähig ist, eine Arbeit zu suchen.
Er zieht sich bald auch von seinem früheren Bekanntenkreis zurück, weil
er wegen seiner Erwartungsängste keine Lokale mehr aufsuchen kann und
auch an den üblichen Aktivitäten Jugendlicher nicht mehr teilnehmen
kann. Wohl oder übel nehmen ihn seine Eltern in ihrem Haus wieder auf
unter der Bedingung, dass er sich behandeln lässt.
Eine hochschwangere Frau mit einer konfliktreichen Partnerschaft fällt
bei sommerlicher Hitze auf der Straße beinahe ohnmächtig um, erfängt
sich jedoch gerade noch rechtzeitig. Einige Monate später fährt diese
Frau mit dem Kinderwagen an derselben Stelle vorbei, erinnert sich an
das frühere Ereignis und kann plötzlich aus Angst umzufallen nicht mehr
allein mit dem Kind unterwegs sein.
Eine junge Mutter geht an einem heißen Sommertag mit ihrem fünfjährigen
Sohn, der schon recht unruhig und lästig wird, eine dichtbevölkerte
Einkaufsstraße entlang, als ihr plötzlich schwindlig und übel wird. Sie
bekommt Herzrasen und Ohnmachtsangst, was sich einige Zeit später, als
sie in derselben Straße allein unterwegs ist, in ähnlicher Weise
wiederholt, so dass sie ohne Begleitung einer anderen Person nicht mehr
das Haus zu verlassen wagt.
Eine Frau möchte die ungeliebten Schwiegereltern nicht jedes Wochenende
zusammen mit dem noch recht mutterabhängigen Gatten besuchen, was zu
ständigen Ehestreitigkeiten führt. Dieser unlösbare Konflikt findet
nach einem Monat ein plötzliches Ende, weil die Frau nach einer
Panikattacke in einem überfüllten Restaurant, die sich einige Zeit
später beim Friseur wiederholt, das Haus überhaupt nicht mehr verlassen
kann (und damit auch nicht mehr die Schwiegereltern zu besuchen
braucht, was vorerst von keinem der beiden Partner bewusst wahrgenommen
wird).
Eine 20jährige, ehrgeizige Studentin möchte eine Prüfung bestehen, bei
der erfahrungsgemäß zwei Drittel durchfallen. Sie hat die letzte Nacht
wenig geschlafen und am Morgen wegen der Aufregung nichts gegessen. Auf
dem Weg zur Universität bekommt sie plötzlich in einer überfüllten
Straßenbahn eine Panikattacke, so dass sie unverzüglich zum Arzt geht,
der sie zur Durchuntersuchung in ein Krankenhaus einweist. Außer dem
ohnehin bereits bekannten niedrigen Blutdruck wird dort nichts
Auffälliges gefunden, so dass sie nach drei Tagen wieder entlassen
wird. Zwei Monate später bekommt sie während einer Vorlesung eine
neuerliche Panikattacke, die dazu führt, dass sie das Studium für
einige Monate unterbricht, weil sie weder eine Straßenbahn benutzen
noch in einem Hörsaal sitzen kann.
Eine Frau denkt nach siebenjähriger Ehe an Scheidung, weil sie sich von
ihrem Gatten vernachlässigt fühlt. Sie erlebt, dass sie mit anderen
Menschen besser über persönliche Dinge reden kann als mit ihrem
Partner, und geht daher öfter als früher zusammen mit Freundinnen
abends fort, weil der Partner aus beruflichen Gründen abends ebenfalls
oft nicht zu Hause ist. Nach einiger Zeit bekommt sie plötzlich in
einem Lokal eine Panikattacke, wodurch sie so verängstigt ist, dass sie
ohne ihren Gatten nicht mehr fortzugehen wagt und ihre
Scheidungsgedanken aufgibt, weil sie nicht allein leben kann. Sie ist
innerhalb der nächsten Wochen wegen einer sich entwickelnden
Agoraphobie nicht einmal fähig, den Arbeitsplatz aufzusuchen, was die
Voraussetzung dafür wäre, sich allein erhalten zu können.
Eine früher beruflich recht erfolgreiche Frau hat zugunsten der
optimalen Erziehung ihrer beiden Kinder (5 und 7 Jahre alt) auf die
weitere Berufstätigkeit verzichtet. Dennoch fühlt sie sich zu Hause in
zunehmendem Ausmaß unerfüllt und überlegt, eine Halbtagsarbeit
anzunehmen. Der Gatte ist dagegen, sie hat auch Bedenken, ob sie Beruf,
Haushalt und Kindererziehung erfolgreich verbinden kann. Die Sache ist
entschieden, als sie nach einer Panikattacke in einem Bus, die sich
drei Wochen später in einer überfüllten Straßenbahn wiederholt, kein
öffentliches Verkehrsmittel mehr besteigen und infolgedessen auch zu
keinem Arbeitsplatz in der 10 km entfernten Stadt fahren kann. Sie hat
sogar Schwierigkeiten, ihre Kinder mit einem öffentlichen
Verkehrsmittel in den Kindergarten bzw. in die 1. Klasse der
Volksschule zu bringen.
Eine geschiedene Frau, die ihre drei Kinder ohne Unterstützung durch
einen Partner erziehen muss, steht nach einem anstrengenden Arbeitstag
noch unter dem Druck, vor Geschäftsschluss die nötigen Einkäufe zu
erledigen. Im Supermarkt bekommt sie in der Warteschlange bei der Kassa
plötzlich eine Panikattacke, die von den Umstehenden registriert wird.
Sie möchte am liebsten davonlaufen, kann aber nicht, weil sie die
Lebensmittel im Einkaufswagen für das Abendessen benötigt. Von da an
kann sie nicht mehr einkaufen gehen, so dass ihr die größere Tochter
diese Arbeit abnehmen muss.
Eine Frau entwickelt nach einer längeren familiären Belastungssituation
zuerst eine Panikattacke im Bus zur Arbeit und anschließend eine
ausgeprägte Agoraphobie. Sie ist betroffen durch die Krebserkrankung
ihrer Mutter vor einem Jahr, überfordert durch die Betreuung eines
leicht behinderten Kindes und verärgert über die häufige Abwesenheit
ihres Gatten aus sportlichen Gründen (im Sommer Fußballtrainer, im
Winter extreme Schitouren mit Arbeitskollegen, was ihr zusätzlich Angst
und Unruhe bereitet). Im Laufe der Zeit kann sie bald nichts mehr
allein unternehmen aus Angst vor einer Panikattacke. Die
Berufstätigkeit kann nur mehr aufrechterhalten werden, indem sie der
Gatte mit dem Auto zur Arbeitsstelle bringt und von dort auch wieder
abholt. Ihr fünfjähriger Sohn muss von der Mutter eines anderen Kindes
in den Kindergarten mitgenommen werden, weil sie sich nicht mehr mit
der Straßenbahn zu fahren wagt.
Eine 45jährige Frau leidet schon seit längerem unter der ehelichen
Untreue ihres Gatten und der übermäßigen Belastung am Arbeitsplatz. Die
Firma, in der sie seit 15 Jahren arbeitet, steht wirtschaftlich
schlecht da, kündigte verschiedene ältere Arbeitnehmer und fordert von
den verbleibenden Arbeitskräften großen Einsatz bei relativ schlechter
Bezahlung. Nach einem Streit mit der Vorarbeiterin, der die durchaus
selbstbewusste Patientin Unfähigkeit und Ungerechtigkeit vorwarf, tritt
plötzlich in der Kantine eine Panikattacke auf, so dass die Patientin
sofort den Arzt aufsucht und für einen Monat wegen einer
Erschöpfungsdepression krank geschrieben wird. Der Krankenstand bringt
keine Erleichterung, vielmehr entwickelt die Patientin im Laufe der
Zeit eine ausgeprägte Agoraphobie, so dass sie nicht einmal einkaufen
gehen und damit auch nicht mehr kochen kann. Ihre geschiedene und
seither allein lebende Schwester zieht zu ihr in das Haus (in das
leerstehende Kinderzimmer) und hilft ihr bei der Haushaltsführung,
nimmt ihr gutgemeint alles ab und verstärkt damit die Agoraphobie der
Patientin.
Epidemiologie, Verlauf und Folgen der Agoraphobie
In der BRD kommt eine Agoraphobie lebenszeitbezogen bei 5,7%, innerhalb
eines Zeitraums von 6 Monaten bei 3,6% und innerhalb des letzten Monats
bei 2,9% der Bevölkerung vor.
Nach der jüngsten Erhebung in den USA zeigt sich eine Agoraphobie mit
und ohne Panikstörung lebenszeitbezogen bei 6,7% und innerhalb des
letzten Monats bei 2,3% der Befragten. Geschlechtsbezogen tritt die
Symptomatik im Laufe des Lebens bei 9,0% der Frauen und 4,1% der Männer
und innerhalb des letzten Monats bei 3,1% der Frauen und 1,4% der
Männer auf.
Bei 55,4% der Betroffenen ist die Agoraphobie sekundär in dem Sinn,
dass vorher bereits eine andere psychische Störung bestand, ohne dass
allerdings Aussagen über einen kausalen Zusammenhang gemacht werden
können.
Ohne Panikstörung tritt eine Agoraphobie lebenszeitbezogen bei 5,3% und
innerhalb der letzten 12 Monate bei 2,8% der Bevölkerung auf. 21,6% der
befragten Agoraphobiker nehmen lebenslänglich Medikamente gegen ihre
Angst.
In klinischen Behandlungseinrichtungen weisen fast alle Personen mit
Agoraphobie (95%) aktuell oder in der Vorgeschichte auch die Diagnose
einer Panikstörung auf. Dies weist darauf hin, dass die
Behandlungsbedürftigkeit der Agoraphobie aus den nicht bewältigbar
erscheinenden Panikattacken resultiert.
In der Durchschnittsbevölkerung findet man eine größere Zahl von
Personen mit einer Agoraphobie ohne Panikstörung. Die Mehrzahl dieser
Personen weist jedoch eine spezifische Phobie und keine Agoraphobie
auf, wie eine genauere Nachuntersuchung der amerikanischen
Bevölkerungserhebung durch Experten ergab.
Eine Agoraphobie beginnt bei rund 90% der Patienten mit einer
Panikattacke außer Haus. Plötzlich, unerwartet und unerklärlich kommt
es zu massiven vegetativen Beschwerden: Herzrasen, Atemnot,
Schwindelgefühle, Ohnmachtsangst, Übelkeit, Schwächegefühl in den
Beinen usw. Wenn nach der ersten Panikattacke längere Zeit keine zweite
folgt, kommt es trotz der Dramatik des Erlebten meist zu keiner
Einschränkung des Bewegungsspielraums. Oft schon nach dem zweiten oder
dritten Angstanfall beginnt sich der Aktionsradius zunehmend
einzuengen, obwohl die durchgeführten Untersuchungen keinen organischen
Befund ergaben. Der Schweregrad einer Agoraphobie lässt sich weder
durch die Intensität noch durch die Häufigkeit von Panikattacken
ausreichend vorhersagen, viel besser dagegen durch die Angst vor
bestimmten agoraphobischen Situationen. Nach einer Wiener Studie lässt
sich aus dem Auftreten von Gefühlen der Peinlichkeit bei der ersten
Panikattacke eine spätere Agoraphobie vorhersagen.
Verschiedene Betroffene versuchen anfangs ihre Ängste durch gezieltes
Aufsuchen der gefürchteten Situationen zu bewältigen, die auftretenden
Symptome werden dabei jedoch so stark, dass sie glauben, diesen nur
durch Flucht entkommen zu können. Das plötzliche Nachlassen der
vegetativen Beschwerden bei Verlassen der angstmachenden Situation
verstärkt die weitere Fluchtbereitschaft, bis schließlich aus
Resignation vor der nicht möglichen Kontrolle der Symptome
entsprechende Situationen überhaupt nicht mehr aufgesucht werden. Die
Betroffenen fürchten sich eigentlich nicht vor verschiedenen Orten und
Situationen, sondern davor, dass unter diesen Umständen die ihnen gut
bekannten Symptome in unkontrollierbarer Weise auftreten könnten, d.h.
sie fürchten sich letztlich vor ihrem Körper. Die Angst vor einer
erneuten Panikattacke ohne Aussicht auf Kontrolle führt zur Vermeidung
von immer mehr Alltagsaktivitäten.
Unbehandelt bleiben Agoraphobien oft für immer oder zumindest über
viele Jahre bestehen. Eine spontane Heilung (Remission) tritt nur bei
38% auf. Nach über einjähriger Dauer der Angststörung sind
Spontanheilungen sehr selten, wie die Münchner Verlaufsstudie für die
BRD ergeben hat. Patienten mit gemischten Angst- und
Depressionssyndromen haben unbehandelt eine schlechtere Prognose als
solche mit reinen Angststörungen oder reinen Depressionen.
Der typische Problemlösungsmechanismus von Menschen mit Agoraphobie
besteht im Vermeiden angstmachender Situationen. Das Ausweichen vor der
Angst verhindert die Erfahrung, dass die gefürchtete Situation gar
nicht gefährlich und relativ leicht bewältigbar ist. Mangelnde positive
Erfahrungen im Umgang mit anfangs unbekannten oder unberechenbaren
Situationen führen zu immer größerem Meidungsverhalten. Es erfolgt eine
Generalisierung, d.h. eine Ausweitung der Angst auf ähnliche
Situationen bis hin zur lebenseinengenden Behinderung.
Selbstbewusstsein und Zukunftshoffnung schwinden derart, dass
Betroffene, Außenstehende und auch Ärzte schließlich nicht mehr wissen,
ob aus hemmender Angst, antriebslähmender Depression oder beidem die
schützende Wohnung nicht mehr verlassen werden kann. Es kommt zu einem
Teufelskreis: eine nicht bewältigbare Agoraphobie führt zu einer
Depression, die wiederum die Phobie verstärkt, so dass ein chronischer
Verlauf wahrscheinlich wird.
Im Querschnitt, d.h. aktuell,
erscheinen Menschen mit ausgeprägter Agoraphobie oft als Patienten mit
schwerer Depression, im Längsschnitt, d.h. im Lebensverlauf, besteht
dagegen eine chronische Angstsymptomatik, angesichts der die
Betroffenen resigniert haben. Den aufgesuchten Ärzten bietet sich meist
das Bild einer reinen Depression, so dass Antidepressiva verabreicht
werden.
Die Einnahme von Antidepressiva ist oft sinnvoll, auch dann, wenn sich
die depressive Symptomatik als Folge einer unbewältigbaren
Angstsymptomatik herausstellen sollte. Die Verbesserung des Antriebs
ermöglicht erst ein Angstbewältigungstraining. Sollten die
Antidepressiva nicht nur die Depression, sondern auch die Ängste
beseitigen, dann ist eher anzunehmen, dass die Ängste auf einer
depressiven Episode beruhten.
Agoraphobikern erscheint ihr Verhalten selbst als unsinnig und
peinlich, so dass sie die wahren Gründe anfangs auch vor Bekannten und
Verwandten verbergen, indem sie Ausreden für ihr Vermeidungsverhalten
gebrauchen (Kreislaufbeschwerden, Übelkeit, Kopfschmerzen u.a.). Wenn
die Störung im Angehörigenkreis bekannt wird, erleben die Betroffenen
anfangs oft erstaunlich viel Nachsicht und Unterstützung.
Durch eine ausufernde Agoraphobie wird im Laufe der Zeit die ganze
Familie in Mitleidenschaft gezogen. Längerfristige familiäre
Urlaubsplanungen sind kaum oder nur bedingt möglich. Während der
Partner ein Ferienziel buchen möchte, fragt der agoraphobische Patient
nach den Stornobedingungen für den Fall, dass er sich vor der Abreise
unwohl fühlen sollte. Auch bei kleineren Ausflügen muss dieser Umstand
berücksichtigt werden.
Verschiedene Agoraphobiker können nur mit dem Partner zusammen in die
Arbeit gehen und nur in seiner Begleitung an verschiedenen sozialen
Aktivitäten teilnehmen. Oft müssen Partner und Kinder von
agoraphobischen Frauen die Einkäufe erledigen. Manchmal nimmt sich der
Gatte sogar Urlaub, um an der Seite seiner furchtsamen Frau bleiben zu
können. Ein Drittel der Agoraphobiker ist so behindert, dass die
Erfüllung der beruflichen und familiären Verpflichtungen nicht mehr
möglich ist.
Die Agoraphobie kann im Extremfall so ausgeprägt werden, dass der
Partner seinen Beruf aufgibt, um ganz für den kranken Angehörigen da
sein zu können, der weder allein in der Wohnung verbleiben noch allein
das Haus verlassen kann. Wenn die Angehörigen die Agoraphobie des
Familienmitglieds nicht mehr länger unterstützen möchten und sich
heftig dagegen wehren, sind ständige Streitereien wahrscheinlich.
Die übrige soziale Umwelt erfährt oft auch weiterhin nichts oder nur
wenig von der agoraphobischen Beeinträchtigung. Im Laufe der Zeit
entwickelt sich ein immer stärkerer Rückzug vom früheren
Bekanntenkreis, eine Einschränkung der Freizeitaktivitäten, ein
zunehmender Leidensdruck, zeitweise auch eine Arbeitsunfähigkeit.
Nach jahrelangem Verbergen der Agoraphobie können plötzlich Situationen
entstehen, die dazu führen, dass sich die Betroffenen in Behandlung
begeben müssen:
- zunehmende Unfähigkeit, alle Tätigkeiten im Außendienst wahrzunehmen;
- notwendige berufliche Weiterbildung in einer fremden Stadt, in der man nicht allein in einem Hotelzimmer übernachten kann;
- beruflicher Aufstieg durch Versetzung an einen anderen Ort;
- plötzlich
erforderliche Aktivitäten im Freizeitbereich (Einladungen, Reisen,
Einkaufsfahrten), die ohne das Vorhandensein von Sicherheitsgarantien
(Anwesenheit des Partners, Beruhigungsmittel) nicht möglich sind;
- massiver
Druck durch den Partner, der gemeinsame Urlaubsreisen in ferne Länder
unternehmen möchte oder zunehmend eigene Aktivitäten entfaltet und
damit aus der bisher für sicher gehaltenen Ehe auszusteigen droht;
- plötzlicher Ausstieg des Partners aus der Rolle des Symptomverstärkers;
- Trennungsdrohung durch den Partner, wenn die Symptomatik bestehen bleibt.
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Eine englische Untersuchung an 1000 agoraphobischen Frauen ergab, dass
sich drei Viertel davon in ihrem Berufsleben durch die Phobie behindert
fühlten. 48% hätten sich gerne beruflich verändert und verbessert,
fürchteten jedoch, die Bewerbungs- und Vorstellungsprozedur nicht
durchstehen zu können. Der Anteil der Berufstätigen (nur 23%) war im
Vergleich zur weiblichen Durchschnittsbevölkerung reduziert. 83% der
Nichtberufstätigen wollten nach Überwindung der Agoraphobie berufstätig
werden.
In großer Not und bei hoher Motivation kann eine Agoraphobie
schlagartig überwunden werden, um bei Nachlassen des äußeren und
inneren Drucks wieder in der ursprünglichen Form aufzutreten:
"Eine in Wien lebende Jüdin konnte sich von ihrer Wohnung nie weiter
als ein paar Straßenlängen entfernen; als dann die Nazis an die Macht
kamen, sah sie sich vor die Wahl gestellt, entweder zu fliehen oder in
einem Konzentrationslager zu landen. Sie begab sich auf die Flucht und
reiste zwei Jahre lang in der Welt umher, bis sie schließlich in den
Vereinigten Staaten eintraf. Sobald sie nun in New York City wieder
sesshaft geworden war, entwickelte sie die gleiche Reisephobie, die sie
schon in Wien gehabt hatte."In den deutschen Konzentrationslagern
verschwanden (agora-)phobische Symptome entweder völlig oder besserten
sich so sehr, dass die Häftlinge arbeitsfähig waren, weil sie ansonsten
auf der Stelle in die Vernichtungslager geschickt worden wären. Nach
der Befreiung traten bei einem Teil der Lagerinsassen die alten
Symptome wieder auf.
In Notsituationen des alltäglichen Lebens (z.B. bei einem Unfall mit
Verletzten oder bei schwerer Erkrankung des Kindes) können
agoraphobische Patienten ebenfalls plötzlich ihre Agoraphobie
überwinden. Das Fluktuieren der Symptomatik kann bei Verwandten und
Bekannten zur Auffassung führen, der Betroffene sei einfach nur
unwillig, bequem und wolle sich vor schwierigen Situationen drücken.
Demgegenüber ist festzuhalten, dass Höchstleistungen nicht dauernd
erbracht werden können.
Die angeführten Beispiele weisen auf die Bedeutung der Motivation hin.
Die Aussicht, bei Überwindung der Angst positive Situationen zu erleben
(z.B. Urlaub, Arbeitsaufnahme), oder die Angst, bei übermäßiger
Agoraphobie als wichtig eingeschätzte Befriedigungen des Lebens zu
verlieren (z.B. Arbeit als Mittel des Selbsterhalts), macht die
Agoraphobie in bestimmten Situationen leichter bewältigbar als in
anderen Situationen, die keinen Motivations- und Energieschub auslösen.
Schwankungen der agoraphobischen Symptomatik lassen sich oft auch durch
"gute" und "schlechte" Tage erklären, nicht selten durch depressive
Stimmungsschwankungen, die den Antrieb zur Bewältigung der Agoraphobie
vermindern, so dass diese nicht selten ausufert wie in früheren Zeiten.
Ohne Vorliegen einer Erschöpfungsdepression bringen längere
Krankenstände zur Erholung und Entspannung meist keine Besserung,
sondern häufig sogar eine Verschlechterung der Agoraphobie, weil die
Symptomatik ohne den Zwang zur Einhaltung eines bestimmten Tagesablaufs
erst richtig ausufern kann. Die scheinbare Erholung im Krankenstand
wird oft nur bewirkt durch die Reduktion der Erwartungsangst vor dem
Auftreten der Symptome am Arbeitsplatz.
Das Fehlen einer fix vorgegebenen Tagesstruktur ist der Grund, warum
eine Agoraphobie bei Hausfrauen, Studenten und Selbständigen leichter
ausufert als bei unselbständig Beschäftigten. Dies erklärt auch, warum
viele früher recht selbständige und beruflich erfolgreiche Frauen eine
lebenseinengende Agoraphobie erst dann entwickeln, wenn sie wegen der
Heirat und der Kindererziehung ihren Beruf aufgegeben haben.
Stationäre Aufenthalte können bei allgemeinen Überlastungssituationen,
depressiven Erschöpfungszuständen und gezielten symptombezogenen
Therapiemaßnahmen einen heilenden Effekt haben, sie können jedoch auch
die Gefahr einer überlangen Aufenthaltsdauer in sich bergen.
Verschiedene Patienten möchten das Krankenhaus am liebsten erst dann
verlassen, wenn ihre Erwartungsängste bezüglich des Auftretens von
Panikattacken in agoraphobischen Situationen völlig verschwunden sind.
Wenn bei einer stationären Besserung aufgrund der bevorstehenden
Entlassung eine plötzliche Verschlechterung der agoraphobischen
Symptomatik einsetzt, muss auf die Wirkung von Erwartungsängsten
geschlossen werden, oft auch auf Realängste bezüglich einer stationär
zuwenig angesprochenen und bearbeiteten familiären, partnerschaftlichen
oder beruflichen Problematik, angesichts der das Krankenhaus nur eine
momentane Entlastungssituation darstellte.
Unterscheidung zwischen Agoraphobie und anderen Angststörungen
Im Gegensatz zu einer Agoraphobie werden bei einer spezifischen Phobie
nur bestimmte Objekte und Situationen gefürchtet, z.B. Fliegen,
Liftfahren, Spinnen, Hunde.
Bei einer sozialen Phobie werden Situationen nicht wegen der
körperlichen Bedrohlichkeit gefürchtet und gemieden, sondern wegen
möglicher negativer Beurteilung durch andere Menschen, d.h. es werden
soziale und Leistungssituationen vermieden.
Bei Agoraphobikern sind oft zwei Arten von Ängsten anzutreffen:
1. Angst vor Panikattacken oder einer panikähnlichen Symptomatik. Die
fehlende Garantie für die Sicherheit und Unversehrtheit der Person
führt bei Panikpatienten oft zur Einschränkung des Aktionsradius und
zur Abhängigkeit von bestimmten Sicherheitsgarantien (andere Personen,
Medikamente usw.).
2. Angst vor sozialer Auffälligkeit ("Was werden die anderen Menschen
von mir denken, wenn sie mich während einer Panikattacke sehen?").
Hinter der Angst vor dem Sichtbarwerden körperlicher Symptome steht oft
eine soziale Unsicherheit und soziale Ängstlichkeit. Sozialphobische
Agoraphobiker fürchten den "sozialen Tod", den Verlust des
Sozialprestiges als Folge der sozialen Auffälligkeit, was durch
bestimmte sichtbare, als an sich ungefährlich erkannte Symptome
(Rotwerden, Zittern, Schwitzen, Ausbleiben oder Veränderungen der
Stimme) verstärkt wird.Bei verschiedenen Personen ist nur scheinbar
eine Agoraphobie gegeben, tatsächlich liegt eine soziale Phobie vor.
Eine Unterscheidung zwischen Agoraphobie und sozialer Phobie kann
anhand folgender Umstände relativ zuverlässig erfolgen:
- Die
Angst vor Menschenansammlungen tritt nicht nur bei einer Agoraphobie,
sondern öfters auch bei einer sozialen Phobie auf. Bei einer
Agoraphobie ist jedoch die zentrale Befürchtung, die jeweiligen
Situationen nicht jederzeit rechtzeitig verlassen zu können bzw. keine
Hilfe von Fremden bekommen zu können, bei der sozialen Phobie dagegen
sind eher bekannte Menschen der angstauslösende Faktor, die als
potentielle Kritiker gefürchtet werden. In einem Lokal sitzen
Panikpatienten lieber bei der Tür, Sozialphobiker eher versteckt in
einer Ecke.Panikpatienten gehen lieber in kleinere, überschaubare
Geschäfte, Sozialphobiker eher in Supermärkte.
- Bei
einer Agoraphobie (vor allem bei gleichzeitiger Panikstörung) kreisen
die Befürchtungen um das eigene körperliche und psychische Wohlbefinden
(Angst verrückt zu werden, die Kontrolle zu verlieren, zu sterben, in
Ohnmacht zu fallen) ohne Sorgen um die Bewertung des Verhaltens durch
andere. Bei typischen Agoraphobikern ohne Sozialphobie ist die Angst
unabhängig vom sozial relevanten Verhalten. Sie haben einfach Angst,
ohnmächtig umzufallen und vielleicht nicht mehr aufzuwachen, auch wenn
die umstehenden Leute wohlwollende Bekannte sind.
- Bei
der sozialen Phobie beziehen sich die Befürchtungen auf die negative
Bewertung des eigenen Handelns oder der eigenen Person durch andere.
Selbst bei einer typisch agoraphobischen Symptomatik wie der Angst
umzufallen kann über die Frage nach den Konsequenzen des Umfallens
rasch erkannt werden, ob anstelle der Todesangst eine Sozialphobie im
Sinne der Angst aufzufallen gegeben ist.
- Eine
Agoraphobie in der Folge einer Panikattacke setzt relativ plötzlich
ein, während die Meidung von sozialen Situationen aufgrund einer
sozialen Phobie sich über einen langen Zeitraum entwickelt hat.
- Ein
wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen Agoraphobie und sozialer
Phobie ist die Anwesenheit oder Abwesenheit anderer Menschen als
auslösende oder aufrechterhaltende Bedingung der Angst. Agoraphobiker
können auch in menschenleeren Bussen oder Kinos Angst erleben (d.h.
ohne das Gefühl der Beobachtung) und suchen daher die Sicherheit
gebende Nähe anderer Menschen (wenn sie nicht überhaupt mit einem nahen
Angehörigen oder gutem Bekannten unterwegs sind), während
Sozialphobiker Angst nur in Anwesenheit anderer Menschen erleben.
- Agoraphobiker
haben primär Angst, allein zu sein und nicht rechtzeitig Hilfe zu
bekommen, Sozialphobiker fürchten vor allem, beobachtet und bewertet zu
werden. Panikpatienten gehen z.B. aus Sicherheitsgründen lieber mit
Bekannten einkaufen, Sozialphobiker aus Angst vor Blamage vor den
Begleitpersonen lieber allein.
- Auch
die Art der Symptome lässt sich zur Unterscheidung der beiden Gruppen
gut heranziehen. Sozialphobiker fürchten eher für andere sichtbare
körperliche Symptome wie Erröten, Schwitzen, Zittern, Weinen und
Stimmveränderungen, Agoraphobiker fürchten dagegen bedrohlich
erscheinende Symptome wie Herzrasen, Atembeschwerden, Schwindel,
Ohnmacht, Schwäche in den Gliedern ("weiche Knie") oder
Depersonalisation (sich selbst irgendwie fremd erleben mit einer daraus
resultierenden Angst, "verrückt" zu werden). Wegen einer gleichzeitig
gegebenen Sozialphobie lassen sich Agoraphobiker oft nicht auf eine
Konfrontationstherapie ein. Sie fürchten neben den Paniksymptomen auch
die soziale Auffälligkeit.
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Bei Menschen mit medizinischen Krankheitsfaktoren hängen Vermeidungsreaktionen
oft mit realistischen Befürchtungen zusammen (z.B. Schwindel bei
hirnorganischen Störungen, Durchfall bei Morbus Crohn, Angst vor
einem Sturz mit Beinbruch bei älteren und gebrechlichen Menschen).
Personen mit
Zwangsstörungen vermeiden Situationen wegen möglicher
Verunreinigungen (z.B. um sich dadurch vermehrtes Waschen und
Reinigen zu ersparen).
Bei einer
Depression erfolgt der Rückzug nicht aus körperlichen oder
sozialen Ängsten, sondern aus Antriebsmangel und Lustlosigkeit. Oft
verstärkt eine sekundäre Depression eine ursprüngliche
Agoraphobie oder Sozialphobie. Die Beseitigung der Depression ist
die Voraussetzung für eine erfolgreiche Angstbewältigung.
Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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